Madboy - Hamburgs lautester Heimatfilm - von Henna Peschel Artikelbild (groß)

Madboy - Hamburgs lautester Heimatfilm

von Henna Peschel

08.07.2009, 14:33, Text: linus volkmann

Filmen ist nichts für schwache Nerven, sondern eng verbandelt mit Wahn, Wahn, Wahn. So weit alles vertraut. Dass ein Gespräch mit Hamburger-Schule-Prekariats-Camcorder Henna Peschel dennoch viel Neues zutage fördert, erlebte Linus Volkmann.

"Anschlussfehler oder Achsensprünge sind die sichtbaren Beweise eines kreativen Vollrauschs. Oft gehst du mit der Kamera schwitzend so dicht an deine Leute ran, dass du dich plötzlich formatfüllend im Augapfel spiegelst oder minutenlang zu atmen vergisst, um mit der Handkamera nicht zu wackeln."


Ein Typ mit Halbglatze raucht viel, malt und kauft schwindsüchtige Infos für einen Bruch in Schweden, der letztlich eh wieder schiefgehen wird. Der Typ heißt Jakobus, hat ziemlich Hunger, kein Geld und beherbergt einen ähnlichen halbseidenen Loser, Schäfke, der Gitarre und sonst nicht viel kann. In der Spontan-WG findet sich auch noch eine Frau, die studiert und die gefälligst mal mehr Geld von ihrer Oma geschickt bekommen soll - damit man sich nicht dauernd jedes Frühstücksbier so verdammt einteilen muss. So sieht es aus in dem Film "Madboy", obwohl ... da fehlen ja noch einige Protagonisten, denn da sich das Trio natürlich keine gute Wohngegend leisten kann, teilt es seine Welt mit der Halbwelt in einem Hamburger Arbeiterviertel. Türsteher, Assis, Schläger etc. Doch statt einer depressiv gefilmten Prekariats-Dystopie erschafft Henna Peschel mit seinem Langfilm-Debüt (nach ca. 20 Jahren Regie-Tätigkeit!) ganz selbstverständlich ein Feelgood-Movie. Trotz oder wegen all der Klauereien, dem Aufs-Maul und der gelebten Doppelnull-Perspektive. Komplett naturalistisch strotzt das vor Witz und komisch-tragischer Virilität. Das süße, hungrige Leben der drei affirmiert dabei nicht die sozialen Verhältnisse, sondern es stellt diesen schonungslos ihre reale Entsprechung im Alltag entgegen. So sieht's ganz unten für Lebenskünstler aus. Noch Fragen?


Henna Peschel ist bei der Produktion bezeichnenderweise sein eigener Last Man Standing gewesen. Unbezuschusste Ich AG - keinen Cent, keinen Meter gab es umsonst. Kulturförderung? Kein Gedanke. Alles höchst selbst gedreht, erstritten, geliehen, improvisiert, rausgehauen, uff. So banal es ist, die Authentizität der künstlerischen Umstände im Werk wiederfinden zu wollen, hier kann man gar nicht anders. "Madboy" ist DER Film über Hamburger Musik und DER Film übers verspulte Prekariat.



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aus Intro #173 (Juli 2009)
 
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