Die Gräfin
Blutige Angelegenheiten
26.06.2009, 15:00, Text:
Christian Meyer
Wer war Erzébet Báthory? Eine ungarische Gräfin, die im 16. Jahrhundert mehrerer Morde angeklagt und zur Strafe lebendig eingemauert wurde. Julie Delpy widmet ihr einen Historienfilm, der eine feministische Perspektive nur andeutet. Von Christian Meyer.
Die Geschichte wird von Siegern geschrieben. Diese Erkenntnis stellt Julie Delpy als Regisseurin und Hauptdarstellerin an den Anfang von "Die Gräfin". Ihr Spielfilm-Porträt der ungarischen Gräfin Erzébet Báthory versucht diese offensichtliche Tatsache zu relativieren. Denn Báthorys Lebensgeschichte wurde vielfach geschrieben und wieder umgeschrieben. Báthory, 1560 in Ungarn geboren, starb 54 Jahre später in ihrer Burg.
Man hatte sie drei Jahre zuvor zahlreicher Morde angeklagt. Ihr wurde der Prozess gemacht, in dessen Verlauf mehrere ihrer Bediensteten zum Tode verurteilt wurden, während sie lebenslänglich eingemauert wurde. So weit die stichhaltigen Fakten. Die näheren Umstände wurden nie ganz aufgeklärt. Das gab Spielraum für eine reiche Mythenbildung. Ob sie nun für die Folter und den Tod von 80 oder 600 jungen Mädchen verantwortlich war, ob sie ihr Blut auch trank oder sogar darin badete?
Delpy handelt die frühkindliche Konditionierung der Gräfin auf Härte und Grausamkeit im Vorspann ab: In unglaublichem Reichtum, aber auch strengstens erzogen aufgewachsen, wird sie mit elf Jahren verlobt, mit 15 Jahren verheiratet. Die Macht der Familie vergrößert sich zunehmend, sogar der ungarische König gehört zu den Schuldnern der Familie. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie eine Affäre mit dem wesentlich jüngeren Istvan. Dessen Vater Graf Thurzo (William Hurt) intrigiert, um die Beziehung zu beenden. Báthory fühlt sich verletzt und gedemütigt. In ihrem Schmerz glaubt sie, ihr gealterter Körper sei die Ursache für die Zurückweisung, und versucht sich zu verjüngen. Sie versteigt sich in die Idee, dass ihr dabei das Blut von unzähligen Jungfrauen helfen könne. Der wohltemperierte Daniel Brühl ist allerdings eine wenig gelungene Besetzung für einen Mann, der eine Báthory um den Verstand bringt.
Julie Delpys Version des ausgehenden Mittelalters ist düster. Darin deckt es sich mit vergleichbaren jüngeren Historienfilmen. Julie Delpy erzählt aber nicht nur von einer grausamen, blutrünstigen Herrscherin, sondern auch von einer selbstbewussten Frau. Fast möchte man eine feministische Perspektive erkennen, die die Gräfin und ihr Tun vor dem Hintergrund einer korrupten Männerherrschaft rechtfertigt. So weit geht die Regisseurin allerdings nicht, auch wenn sie eine Zeit lang Verständnis für ihre Figur zeigt, die für ihre Leidenschaft kämpft, sich aber schließlich in ihrem Wahn verliert.
Die Gräfin (F/D 2009; R: Julie Delpy; D: Julie Delpy, Daniel Brühl, William Hurt, Anamaria Marinca; 25.06.)
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