Dorfpunks
Für immer Kloß im Hals
30.04.2009, 17:08, Text:
arno raffeiner
Die Verfilmung des Schamoni-Klassikers! Roddy Dangerbloods Abenteuer von der Gründung einer Band in der schleswig-holsteinischen Pampa bis zum Karrierepeak als Nasenflöter hat Lars Jessen für die Leinwand adaptiert. Von Arno Raffeiner.
In Kreuzberger Kneipen lassen sich bekanntermaßen öfter Begegnungen der dritten Art machen. Zum Beispiel mit einem Rudel Männer, das sich "Nasenflötenorchester" nennt und großen Spaß dabei hat, lautstark durch Plastikaufsätze vor der eigenen Schnauze zu pusten.
Falls es Roddy Dangerblood, die Hauptfigur in Lars Jessens Film "Dorfpunks", wirklich je gegeben hat, dann ist er heute wahrscheinlich Nasenflöter und schmettert, schwarz gekleidet und das Wohlstandsbäuchlein gut betankt, durch seine Plastikprothese Karaokeklassiker wie "I Will Always Love You", die etwas desillusionierte Version von "Für immer Punk", jener notorisch missverstandenen Liedzeile der Goldenen Zitronen.
Dabei hatte damals eigentlich alles vielversprechend angefangen. Rocko Schamoni als nonchalanter Autor eines autobiografischen Romans, der den Gegensatz Dorf vs. Punk genüsslich ausschlachtet: die schleswig-holsteinische Provinz in den 80er-Jahren mit ihren Punks, Nazibauern und der Bundeswehr, mit Schnöselinen und Abschleppern, allesamt gelangweilt und ein wenig hilflos in ihrer Suche nach Zielen, die Widerstand lohnen. Am Ende gehen nur wieder die Glastische oder Unterkiefer der anderen Langweiler kaputt, und das eigene Gummiboot Richtung Freiheit kentert. Darauf noch ein Dosenbier! Die Stärke von Jessens Buchverfilmung ist, dass er diese Stimmung immer wieder sehr genau trifft. Aber daraus wird noch lange keine gute Geschichte. "Merkt ihr was?!" fragt Roddy Dangerblood in einer entscheidenden Szene - die Band-Gründung natürlich - seine Kumpels im Wald. Doch leider scheinen die bis zum Abspann hin gar nichts mehr zu merken - und mit ihnen der Film. Der stolpert in einem Rhythmus durch die Episoden der Buchvorlage, den Flo, Schlagzeuger der Kurzzeitband mit den tausend Namen, kaum schlechter hingekriegt hätte. Was bleibt, sind einige herzliche Lacher und viele Kloß-im-Hals-Momente: wenn Freundschaften zerbrechen. So gibt "Dorfpunks" eine ziemlich triste Bestandsaufnahme von Rebellion in der Provinz ab. Was nur realistisch wäre, Dangerblood ist ja jetzt Nasenflöter in Kreuzberg. Aber wer weiß, vielleicht ist aus ihm auch ein anerkannter Spaßvogel und Musiker geworden, der mit autobiografischen Episodenromanen durch die Lande zieht. Dann gilt für seine frühe Zeit als Dorfpunk wie für diesen Film: "Tschuldigung, ich konnte nicht anders."
Dorfpunks (D 2009; R: Lars Jessen; D: Cecil von Renner, Ole Fischer, Pit Bukowski, Daniel Michel; 23.04.)
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