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35 Rum

Grau sind alle ihre Tage

25.02.2009, 16:09, Text: Olaf Möller

Claire Denis ist eine Meisterin der Erzählung ohne große Worte. Weniger Text und mehr Präsenz als in "Trouble Every Day" hatte Vincent Gallo noch nie. Jetzt kommt mit "35 Rum" ein irritierend handlungspraller Denis-Film in die Kinos. Von Olaf Möller.

Die Filme von Claire Denis finden eher selten ihren Weg in die bundesdeutschen Kinos, und das zu oft auch nur über die Schleichwege des Ein-Kopien-Starts. Wenn schließlich doch mal Arbeiten angemessen sichtbar werden, dann eher - wenn auch nicht immer - die Nebenwerke. Monumente wie ihr Vampirfilm "Trouble Every Day" mit Vincent Gallo oder der Abenteuerfilm "L'Intrus" schafften es gerade mal auf DVD. Jetzt kommt der in seinen Anlagen dem frühen "Ich kann nicht schlafen" verwandte "35 Rum" in die hiesigen Kinos - mit wundersam melancholischem Tindersticks-Soundtrack. Für Denis ist "35 Rum" irritierend handlungsprall. Ihr Sinn für den kinemathografischen Raum, die Poesie eines verheißungsvollen Lichts, das stets aussieht wie aus anderen, fernen Zeiten, sowie ihre Ahnung vom Verwehen der Zeit, die wie ein guter Song verfließt, stehen ganz im Dienste des Funktionierens einer Geschichte von einer Handvoll Banlieue-Gestalten. Denis beschäftigt sich mit deren Sehnsüchten, Obsessionen und innersten Dämonen.


Da sind der Bahnfahrer Lionel (Alex Descas) und seine Tochter Joséphine (Mati Diop). Eher ein Paar als eine Teilfamilie. Zumindest flickert etwas ziemlich herb Inzestuöses zwischen den beiden, ohne dass körperlich etwas geschähe. Aber die Seele, das ist was anderes, wie alle Denisianer wissen. Im selben Haus wohnt die Taxlerin Gabrielle (Nicole Dogué), von der man glauben könnte, sie sei die fehlende Mutter, dabei ist sie allein Lionels Seelentrost und Gespielin. Und noch ein Nachbar: der unbeständig reisende Noé, für den Joséphine die Liebe seines Lebens ist, die sich jedoch nicht so recht zu entscheiden vermag, vielleicht, weil er auch nach dem Tod der Eltern immer noch in ihren Gemächern lebt und die Räume unverändert ließ. Schließlich der Pensionist René (Julieth Mars-Toussaont), ein ehemaliger Arbeitskollege Lionels, dem der Ruhestand vom ungeliebten Job zu schaffen macht. Vielleicht ist das Kernproblem von "35 Rum", dass man ihn schon verstanden hat, wenn man seine Geschichte so skizziert: Es geht halt um Menschen in Aufbrüchen, zu denen es nie kommt. Die Inszenierung macht das schön anzuschauen und mitzuerleben, schafft aber nur wenig mehr an Mehrwert. Man erwartet sich mehr von einer Meisterin, an deren Genie man hängt. Vielleicht ist "35 Rum" eher der Denis-Film für Leute, die wenig bis nichts von ihr wissen ...

35 Rum (D/F 2008; R: Claire Denis; D: Alex Descas, Mati Diop, Grégoire Colin; 05.03.)



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aus Intro #169 (März 2009)
 
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