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Interview

USA 2008

[R: Steve Buscemi; D: Steve Buscemi, Sienna Miller; 29.05.]

27.05.2008, 12:25, Text: arno raffeiner

Theo van Gogh galt als nicht gerade zimperlicher Verfechter liberaler Werte. Doch wie sehr er der Freiheit des Individuums im Grunde misstraute, zeigt einmal mehr Steve Buscemi in seinem Remake des Van-Gogh-Films "Interview".




Homo homini Arschloch. Thomas Hobbes hat den Naturzustand der Menschheit im 17. Jahrhundert auf eine knackige Formel gebracht. Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh hat diesen Zustand im Jahr 2003 mit "Interview" zeitgenössisch und reichlich zynisch bebildert. Auch in Steve Buscemis Remake des Van-Gogh-Films - Teil eins einer Trilogie von Neuverfilmungen, mit der Hollywood dem 2004 ermordeten Regisseur ein Denkmal setzen möchte - wollen die Menschen nach Tausenden Jahren Zivilisationsgeschichte einfach nicht nett zueinander sein.

Im konkreten Fall ekeln sich der abgehalfterte Journalist Pierre Peders und das Soap-Sternchen Katya anlässlich eines misslungenen Interviews an. Das Urböse in uns allen war dabei lange nicht so nerdig unattraktiv anzusehen wie im Antlitz von Steve Buscemi, der neben der Regie auch die Rolle des Journalisten übernimmt; die Maskerade des Selbstschutzes allerdings ist oft genug so makellos blond und superstarschön wie Sienna Miller als Katya. Einen Plot braucht es für das Kammerspiel dieser beiden Figuren nicht. "Interview" zeigt das Aufeinandertreffen zweier Menschen, die nicht im Geringsten aneinander interessiert sind, sondern nur danach trachten, das Leben des jeweils anderen auszuschlachten: für eine heiße Story oder als Opfer der eigenen Manipulationskünste.

So spielen die beiden also die Schöne und das Biest. Bravourös zwar, doch mehr als Demonstrationen großer Schauspielkunst vor der Kulisse eines riesigen Lofts mit Wein, Whisky und weißem Pulver ist nicht drin. Miller und Buscemi agieren virtuos in ihrem stetigen Wechsel von Annäherung, Abstoßung, vorgespielten Gefühlen und falschen Einverständnissen. Trotzdem trägt die Dramaturgie nicht über eineinhalb Stunden. Die vermeintlichen seelischen Abgründe und doppelten Böden, die sich unter dem blankpolierten Parkett auftun sollten, sind nur Neumöblierungen einer etwas billigen Erkenntnis: Unsere Waffen - Camcorder, Palms, bellende Handys - sind neu, doch garstig sind wir wie in alten Urzeiten. Was bleibt also, nachdem am Ende alles so kaputt ist, wie es am Anfang immer schon war: der Ruf nach einem neuen Leviathan?






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aus Intro #161 (Juni 2008)
 
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