Glue & Was am Ende zählt
RA 2006 & D 2007
14.04.2008, 16:49, Text:
Birgit Binder
Zwei Filme wider die Konventionen der Erwachsenenwelt: Alexis Dos Santos' "Glue" spielt in der landschaftlichen Leere Patagoniens und im Vakuum zwischen 15 und 17. Julia von Heinz' "Was am Ende zählt" handelt von Freundschaft im urbanen Hohlraum.
Begnadete Improvisationsregie, exzellente DV- und Super-8-Kameraarbeit und ein tolles SchauspielerInnen-Trio bewirken, dass einem schwindelig wird in Alexis Dos Santos' Debütfilm "Glue". Seine Adoleszenz-Geschichte beweist mit Leichtigkeit und Eleganz, wie voll die Leere zwischen 15 und 17 sein kann. Und wie que(e)r und wundervoll sie sich selbst in widrigster Umgebung von "Erwachsenen" auszubreiten vermag. Um wie viel smarter als die Alten wirkt doch der 16-jährige Lucas auf seinem Fahrrad. Unterwegs zur Bandprobe - mit Violent Femmes auf den Ohren sowie Nacho (so crisp kann jemand heißen!) und Andrea im Kopf. Als er von Wasserbeuteln getroffen wird, verschwendet Lucas keine Zeit an die Angreifer. Er kramt im Rucksack, inspiziert die Blätter mit seinen Lyrics und legt sie sorgfältig zum Trocknen in die Sonne. "Worin liegt der Unterschied, einen Jungen und ein Mädchen zu küssen?" fragt Lucas im Off. Die Antwort: "Jungs haben Bärte, sonst ist es das Gleiche." Drag Kingz, Queens und alle anderen hin oder her - es sei ihm verziehen! Denn Ines Efron spielt die Andrea so gut, dass dieser Filmfigur noch nach dem Schlussbild eine Menge zuzutrauen ist. Ganz besonders inmitten des Nichts.
In einem urbanen Nichts müssen sich die beiden jungen Frauen Carla und Lucie in Julia von Heinz' Debüt "Was am Ende zählt" behaupten, das schon vor seinem Bundesstart im Programm des Verzaubert-Festivals zu sehen war. Carla weiß, was sie nicht will: länger bei ihrem alkoholisierten Vater bleiben. Und auch, was sie will: nach Lyon gehen und Mode studieren - Pech nur, dass ihr Gepäck und Geld noch direkt am Bahnhof geraubt werden. Sie geht auf den Tauschhandel Schlafplatz gegen Vergewaltigung ein, den ihr der Imbissbuden-Gigolo Rico anbietet. Ausgerechnet den zählt Straßenfrau Lucie, die am nächsten Morgen bei Carla in Ricos Container auftaucht, zu ihrer "Familie". Da kann Carla nur die Augen verdrehen und "Oh Gott" stöhnen. Bis sie feststellt, schwanger zu sein, und von Lucies Kenntnissen des Krankenversicherungssystems überzeugt wird. Die Geschichte von Carla und Lucie bleibt bis zum Ende spannend. Auf welche Art Tauschhandel und mit wem Frau sich einlassen sollte, bleibt jeder selbst überlassen. Julia von Heinz gelingt mit ihrem Film eine klare Stellungnahme ohne pädagogisches Geschwurbel. Am Ende zählt auch das.
Glue
(RA 2006; R: Alexis Dos Santos; D: Nahuel Perez Biscayart, Nahuel Viale, Ines Efron; 01.05.)
Was am Ende zählt
(D 2007; R: Julia von Heinz; D: Paula Kalenberg, Marie Luise Schramm; 01.05.)
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