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Jesus Christus Erlöser

D 2008

[R: Peter Geyer; D: Klaus Kinski und Publikum; 15.05.]

14.04.2008, 13:47, Text: Birgit Binder

Zehn Mark für einen über zweistündigen Vortrag von Klaus Kinski über keinen Geringeren als Jesus Christus - so eine Show geliefert bekommen und sich dann noch beschweren? Diesen Wirtschaftswunderdeutschen ging's wohl zu gut! Peter Geyer liefert ein Zeitdokument.




"Ich bin nicht der offizielle Kirchenjesus, der unter Polizisten, Bankiers, Richtern, Henkern, Offizieren, Kirchenbossen, Politikern und ähnlichen Vertretern der Macht geduldet wird. Ich bin nicht euer Superstar!" So spricht Klaus Kinski im November 1971 in der Berliner Deutschlandhalle, die anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 errichtet und 1935 im Beisein Adolf Hitlers eingeweiht wurde. Der Skandalabend mit dem 1926 als Nikolaus Nakszynski geborenen Kinski wurde von Nachlassverwalter Peter Geyer aus 135 Minuten Rohmaterial von vier Kameras zum 84-minütigen Zeitdokument montiert. Und zwar so hervorragend, dass sich dessen konkurrierende Protagonisten - Kinski vs. Publikum vs. Text - ein fast unentschiedenes Match liefern, dem man heute im Kino ungestört beiwohnen kann.

Wer oder was war der eigentliche "Skandal"? Geschätzte 4.000 Menschen lösten ein Ticket für zehn Mark, um Kinski zu sehen. Der war damals wohl kaum aufgrund seiner ein Jahrzehnt zurückliegenden Rezitationen von Rimbaud, Tucholsky, Brecht oder Villon bekannt. Sondern eher für sein reges Mitwirken in Edgar-Wallace-Verfilmungen. Zehn Mark, um diesen Kinski sehen und sprechen zu hören - ein Schnäppchen! Damals war's, wie mit "Jesus Christus Erlöser" jetzt für die Nachwelt überliefert, nur für die wenigen bis zum Schluss verbliebenen Zuschauer eine dufte Idee von Abendunterhaltung. Kinski, der seine erste Filmrolle 1948 in der Artur-Brauner-Produktion "Morituri" bekam, war noch nicht Werner Herzogs "Aguirre", "Nosferatu", "Woyzeck" oder "liebster Feind", als er sich ohne Musik und Bühnenbild, Kostüm oder Special-Effects auf die Bühne der Deutschlandhalle stellte, um seinen etwa 30-seitigen Jesus-Text zu sprechen. Der präsentiert - sofern er ihn denn frei von Zwischenrufen, die nach ein paar Zeilen einsetzen, und zig Bühneninvasionen vortragen darf - keinen Happy-Hippie-Jesus, dafür die Klaus-Kinski-Version. Und die hat mit Institutionen und Konformismus halt so viel zu tun wie Glaube mit der Institution Kirche oder Geborgenheit mit einer Hausratsversicherung.

Erinnern wir uns, wie Désirée Nosbusch im vergessenen Dokument der Fernsehgeschichte, "Zeit zu zweit", den neben ihr an einen Baum lehnenden Kinski fragt: "Hast du nicht mal das Neue Testament gelesen?" Antwort: "Gelesen?!? Nie! Das könnt ich gar nicht lesen, das ist viel zu klein gedruckt."




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aus Intro #160 (Mai 2008)
 
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