Todd Haynes / I'm Not There

Um keinen Preis zurück

20.02.2008, 11:36, Text: Mario Lasar, Annett Busch

Die Kunst des richtigen Zeit- bzw. Standpunkts: Todd Haynes verfilmt mit \"I'm Not There\" nicht das Leben von Bob Dylan, sondern mindestens die Leben von Bob Dylan, umgesetzt mit sechs verschiedenen Dylan-Impersonatoren. Die öffentliche Vereinnahmung von Dylan seit den 60er-Jahren, sein Gespür für das an die Erwartungen am wenigsten angepasste Alter Ego zur rechten Zeit und die ganze politische, soziale und ästhetische Wirklichkeit drum herum fasst der Regisseur eindringlich in Kinobilder, die überreich an Referenzen sind. Annett Busch sprach in Wien mit Haynes, Mario Lasar befragte Stephen Malkmus zum Soundtrack.



\"Because something is happening here / But you don't know what it is.\" (\"Ballad Of A Thin Man\")
Wir könnten mit dem Ende beginnen, mit den letzten Minuten des Abspanns. Wo schließlich Weiß auf Schwarz geschrieben steht, was zuvor diffus, aber wiedererkennbar zwischen den Bildern hing: Songtitel, Interpret, Autor, Erscheinungsort - mit diesen vorbeiziehenden Credits, der scheinbaren Lesbarkeit, setzt ausgerechnet jener Dylan-Song ein, der unmöglich hätte sein müssen: 'Knockin' On Heaven's Door'. 1973 komponiert für Sam Peckinpahs 'Pat Garrett & Billy The Kid', zig Mal bis zur Schmerzgrenze nach- und wiedergespielt und nun für Todd Haynes von Antony And The Johnsons reanimiert.

Keine Gitarren, keine Mundharmonika, nur wenige vorsichtig angeschlagene Tasten auf dem Klavier. Antony Hegarty, der Mann mit der androgynen Eunuchenstimme, dehnt Intonation und Tempo, bis nicht mehr Gewissheit, sondern eine Frage im Raum steht. Ein Tonfall, der die Haltung des gesamten Films sehr genau trifft. Erst durch die Verzerrung hindurch wird das scheinbar viel zu bekannte Stück überhaupt wieder hörbar - und rührt, durch alle Zeitebenen hindurch, auf eine schwer zu bestimmende Weise an Aktualität.

Dylan und Dylan
\"Today, we bring you face to face with the real Jack Rollins.\" Auch das wäre ein Anfang. Von Angesicht zu Angesicht mit dem echten Jack Rollins, den das Publikum als Folge eines Missverständnisses für Bob Dylan halten könnte. Eine Fernsehreporterin steht nachts in einer Straße irgendwo in Manhattan. Eine kurze Szene, umrahmt von Sequenzen, die einerseits tatsächlich dokumentarisches Material aus der Zeit Mitte der 60er enthalten, aber teilweise auch nur den Stil Fernsehreportage zitieren. Ein Fernsehmoderator mit dicker Hornbrille wird Jack Rollins als jemanden einführen, mit dem sich viele aus seiner Generation - er macht eine Pause - \"identifizieren\". Dabei unterstreicht er das Wort \"identify\" noch mit einer galanten Handbewegung.

\"In Amerika hast du dieses unglaubliche Bedürfnis nach Authentizität. Dabei gibt es nichts, was künstlicher ist als das Authentische. Bei Dylan splittet sich dieses Bedürfnis auf, als gäbe es verschiedene Dylans. Gleichzeitig lebt er völlig für den Augenblick und gibt dabei alles. Er engagiert sich hundertprozentig und wendet sich dann wieder komplett ab. Er will in der Tat um keinen Preis zurückblicken\", so Regisseur Todd Haynes beim Gespräch während der letzten Viennale.

Todd Haynes rückt Dylan nicht auf den Leib, ihm geht es nicht darum, Dylan zu deuten oder zu erklären. Der Name Bob Dylan kommt in seinem Film 'I'm Not There' nicht einmal vor. Stattdessen tauchen Charaktere auf mit den Namen Woody, Billy, Jude, Arthur und Robbie - und eben Jack Rollins. Gespielt von Cate Blanchett, Richard Gere, dem kürzlich verstorbenen Heath Ledger, Christian Bale, Marcus Carl Franklin und Ben Whishaw. Jeder dieser Namen referiert auf andere Sänger, Schriftsteller, Westernhelden. Historische Figuren wie Woody Guthrie, Arthur Rimbaud oder Billy The Kid.

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aus Intro #158 (März 2008)
 
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