Auf der anderen Seite

D/TR 2007

[R: Fatih Akin; D: Nurgül Yesilcay, Baki Davrak, Patrycia Ziolkowska; Pandora]

19.02.2008, 11:05, Text: Dietmar Kammerer

Fatih Akin, der immer junge Regie-Berserker? Nach seinem Triumph mit \\"Gegen die Wand\\" wollte ihn ein Teil der Kritik in diese Schublade stecken. Den Ahnungslosen zum Trotz lieferte er mit \\"Auf der anderen Seite\\" einen reifen Episodenfilm ab.



Türkei und Deutschland. Dies- und jenseits des Bosporus gilt: Um die jeweils andere Seite zu verstehen, muss man hinübergehen. Und selbst dann läuft man noch Gefahr, in der eigenen Sichtweise nicht das komplette Bild in den Blick zu bekommen. Deshalb spannt Regisseur Fatih Akin ein dichtes Netz aus verpassten und glücklichen Begegnungen zwischen Hamburg, Bremen und Istanbul.

Ein weites Spektrum von Schicksalen - und doch nur ein Ausschnitt: Nejat (Baki Davrak) ist Germanistik-Professor an der Universität. Sein türkischer Vater, der pensionierte Witwer Ali (Tuncel Kurtiz), will seine Einsamkeit überwinden und bietet der Prostituierten Yeter (Nursel Köse) einen Platz an seiner Seite an. Gegen Bezahlung, versteht sich. Durch sein unbeherrschtes Temperament kommt Yeter jedoch unglücklich zu Tode. Unterdessen muss ihre in der Türkei lebende erwachsene Tochter Ayten (Nurgül Yesilcay) wegen politischer Aktivitäten heimlich das Land verlassen. Sie begibt sich nach Deutschland, wo sie die Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska) kennenlernt. Als Ayten abgeschoben und in der Türkei inhaftiert wird, reist Lotte ihr hinterher - und auch sie wird Opfer eines tragischen Unfalls.

Anders als \\"Gegen die Wand\\" kommt Akins zweiter Part seiner \\"Liebe, Tod und Teufel\\"-Trilogie beinahe meditativ daher. Wie immer sind seine Figuren unterwegs - in Bussen, Flugzeugen, Straßenbahnen und Taxis -, aber sie sind nicht gehetzt oder rastlos, sondern Suchende, die ihren Weg nur tastend finden. Das komplizierte Geflecht aus Beziehungen entwickelt sich langsam, als Parabel über Leben, Sterben und Verlust. Alle Figuren müssen die Entscheidung treffen, auf wessen Seite sie stehen: auf der des eigenen Egos oder der Tochter, des Vaters oder der Freundin?

So entfaltet \\"Auf der anderen Seite\\" in klaren, sorgfältig komponierten Bildern ein Drama, das sich trotz struktureller Ähnlichkeiten modischen Erzählkonstruktionen à la \\"Babel\\" verweigert, die durch Melodrama überwältigen wollen. Akin macht es seinen Zuschauern nicht leicht mit der Identifikation: Jede Figur scheint gleich weit von uns entfernt, folgt ihrem eigenen Kopf. Und verdient sich eben dadurch unsere Anerkennung. Wer Fatih Akin auf die Seite des ewig jungen Regie-Berserkers stellen wollte, muss umdenken: Schließlich wird ein Filmemacher erkennbar, der seiner Generation weit voraus - und von dem noch viel zu erwarten ist.



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aus Intro #158 (März 2008)
 
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