Anton Corbijn

Im Interview: Sein ehrlichster Film

13.12.2007, 10:20, Text: Lars Brinkmann













Vielen Dank, dass Sie diesen Film entgegen Ihrer anfänglichen Bedenken doch gemacht haben; so ist uns ein weiteres Debakel nach der 'High Fidelity'-Verfilmung erspart geblieben - Yankees vergreifen sich an genuin englischem Stoff, das kann nicht gut gehen.

[lacht] Damit mögen Sie recht haben.


'Control' ist Ihr erster Spielfilm, worin liegt für Sie der größte Unterschied zwischen Ihrer Arbeit als Fotograf und der als Regisseur?
Die Arbeit mit Schauspielern. In der Fotografie erzählt man auch eine Geschichte, sowohl im Film als auch in der Fotografie arbeitet man mit einem bestimmten Look, das bin ich gewohnt, da befinde ich mich auf sicherem Boden. Die Geschichte aber mit Hilfe von Schauspielern zu erzählen, das war etwas Neues für mich, und das ist der große Unterschied. Ich hatte auch etwas Angst, wie ich damit umgehen würde. Es hat gut funktioniert, weil wir so großartige Schauspieler hatten.

Sie haben bereits den Look erwähnt - in dieser Beziehung erinnert mich 'Control' an einen englischen Film, Anfang 80, 'Radio On' ...
Ja, den kenne ich - ich habe ihn nicht gesehen, aber ich habe damals darüber gelesen. Der ist auch in Schwarz-Weiß gedreht, oder?

Ja, und darüber hinaus hat er dadurch auch etwas Urbritisches ...

Generell verwechseln Menschen gern, was sie in einem Film sehen und wie sie es sehen. 'Control' liegt natürlich eine sehr englische Situation zugrunde, aber der Look, die Art, wie wir die Frames gestaltet haben, und all diese Sachen, das ist sehr europäisch. Weil ich auch in keiner Weise von englischen Filmemachern beeinflusst wurde, sondern von europäischen. Ich glaube, dasselbe gilt für Martin Ruhe, den deutschen Kameramann des Films. Wird sind beide, sowohl in Holland als auch in Deutschland, mit dieser sehr starken visuellen Kultur aufgewachsen, die es in England in dieser Form nicht gibt, das ist eher ein vom Schriftlichen geprägtes Land.

Bezeichnenderweise wurde auch 'Radio On' damals wiederholt mit früheren Wim-Wenders-Filmen verglichen: 'Lauf der Zeit', 'Stand der Dinge' etc. Ich finde auch etwas von dieser speziellen Stimmung in 'Control' wieder, dieses Gefühl von Einsamkeit und Entfremdung. Zugegeben, es gibt da wohl wie beim frühen Jim Jarmusch auch so eine vom Schwarz-Weiß geprägte Rezeption.
Ja, das lässt Menschen wahrscheinlich schnell zu diesem Ergebnis kommen, aber ich mag auch den Look von Wims Filmen - er hat ein sehr gutes Auge. Aber ich mag auch Tarkovsky, Godard, Fellini, nicht nur Deutsche, generell Europäer. Wir haben natürliche alle unterschiedliche Arten, die Dinge zu sehen, aber das europäische Kino ist eher eine Referenz als, sagen wir mal, Stanley Kubrick.

Die Gesamtanmutung des Films ist sehr sauber, grafisch, zeitweilig nahezu abstrakt - war das von Anfang an Ihre Absicht? Ist das Ihre visuelle Interpretation der Musik von Joy Division?
Nun, jetzt, wo Sie es erwähnen, glaube ich schon, dass Joy Division ziemlich \\"clean\\" waren, das hat sie [Martin] Hannet gelehrt. Was ich erreichen wollte, ist ein poetischer Look - weil ich Ian Curtis als Poeten verstehe. Es ist sehr einfach, einen Film mit gewaltigen Bildern zu machen und dabei die Geschichte zu vergessen. Ich wollte etwas anderes: Die Zuschauer sollen zunächst in die Geschichte gezogen werden und erst dann bemerken, dass diese Geschichte auch in schönen Bildern erzählt wird. Es sollte nicht wie Werbung aussehen, wo jede Einstellung aus vermeintlich \\"großen Kompositionen\\" besteht. Stattdessen sollte alles eine gewisse Poesie haben. Mit dem Cinemascope des Films sieht fast alles schön aus, einfach, weil das ein großartiges Format ist, um Menschen von links nach rechts laufen zu lassen und all das.


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aus Intro #156 (Dezember 2007 / Januar 2008)
 
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