Control

Lost In Transmission

05.12.2007, 12:06, Text: Jürgen Dobelmann, Foto: Anton Corbijn
[3 Kommentare]

Joy Division waren schon längst Geschichte, als bei den meisten Lesern (und Redakteuren) dieses Magazins die Popsozialisation losging. Und trotzdem hat uns die Band um Ian Curtis nie so richtig losgelassen. Anton Corbijn hat ihr nun ein filmisches Denkmal geschenkt: 'Control' - und Jürgen Dobelmann beleuchtet es für uns.

\\\"Deutschland ist das einzige Land auf der ganzen Welt, wo die Menschen glauben, Joy Division hätten The Cure kopiert. Der Rest der Welt kennt die Wahrheit.\\\"


Nur gut für uns, dass der im August verstorbene Factory-Impresario Tony Wilson in seinem letzten Lebensjahr noch darauf hinwirken konnte, dass die von ihm angeprangerte musikhistorische Schieflage hierzulande endlich gerade geklopft wird. Als Ko-Produzent des Ian-Curtis-Biopics 'Control' sorgte der Joy-Division-Entdecker dafür, dass Regisseur Anton Corbijn dem Sänger, Poeten und Über-Charismaten ein betont ernsthaftes und ästhetisch unriskantes filmisches Denkmal schuf. Kostproben des handfesten Humors, der Curtis von Zeitgenossen zugeschrieben wird, bekommt der Kinobesucher derweil nicht zu sehen. Den Mythos I.C. mit einer heiteren Note seiner profitablen Entrücktheit zu berauben wäre wohl ein zu großes Wagnis gewesen.

Südlich von Manchester


Gerade einmal 40 Minuten benötigt ein gewissenhafter Pop-Pilgerer heutzutage für die Zugfahrt mit Virgin Trains von Manchester ins etwa dreißig Kilometer südlich gelegene Macclesfield. Der unscheinbare Ort am Rande des Hochland-Naturparks Peak District, der 2004 von der Times zur \\\"unkulturellsten Stadt Großbritanniens\\\" gekürt wurde, zählt angesichts der Sehenswürdigkeitendichte im Norden Englands nicht gerade zu den rocktouristischen Hotspots der Region.

Dennoch übt die 50.000 Einwohner zählende Gemeinde auf Indie-Pop-Nerds eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Der Grund: Neben John Squire (ehemals Stone Roses und Seahorses), Terry Hall (The Specials, Fun Boy Three, The Colourfield) und den (ehemaligen?) New-Order-Mitgliedern Phil Cunningham, Gillian Gilbert und Stephen Morris lebt auch Deborah Curtis hier. Die 48-Jährige hatte im August 1975 im Alter von 19 Jahren den etwa gleichaltrigen Ian Curtis geheiratet und ihm knapp vier Jahre später Tochter Natalie geboren. Wiederum ein Jahr später erhängte sich der Sänger, der unter epileptischen Anfällen litt, im Alter von 23 Jahren in der Küche seines Hauses in der Barton Street in Macclesfield - einen Tag vor dem Abflug zur ersten US-Tour, die seiner Band Joy Division wohl den ersehnten Durchbruch beschert hätte.

Sein Freitod sollte ihn nicht nur zur Grufti-Ikone Numero uno und die Musik seiner Band für alle Zeiten unsterblich machen, sondern war gleichzeitig auch die Geburtstunde von New Order - jener (Pop-) Band, mit der sich die drei verbliebenen Bandkollegen innerhalb weniger Jahre zu internationalen Millionensellern aufrappelten und vom NME mit dem Spitznamen \\\"The Disco Beatles\\\" geadelt wurden. Mit 'Control' wurde die berühmte Geschichte vom frühen Ableben des dunklen Genies (basierend auf dem Buch der Witwe: \\\"Aus der Ferne\\\") erstmals für ein Kinopublikum aufbereitet.


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aus Intro #156 (Dezember 2007 / Januar 2008)
 
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  • kalleinz 12.01.2008 | 22:34:27

    Nachdem ich den Film gestern gesehn habe, finde ich die Kritik im Großen und Ganzen recht treffend. Sauer aufgestoßen ist mir aber die rede von der angeblich "katzenhaften Erotik" der A.M. Lara. Frau Lara fand ich mit Abstand das schwächste Element in dem ganzen Film. Sie kommt durchweg eher mäuschen- als kätzchenhaft daher, sagt (bzw. haucht, zumindest in ihrer deutschen Selbstsynchronisation) nur ultranaive Dinge und man fragt sich, wie ein maximal schwermütiger und tiefsinniger Mensch wie Ian Curtis sich in so ne Schnalle verlieben kann. Vom Eindruck her kommt da seine eigentlich gar nicht so biedere Frau wesentlich positiver rüber. Dass das m.E. so in die Hose ging mit Alexandra M.L., liegt wohl daran, dass es halt so überhaupt nicht passt - sie soll (trotz Beziehung mit Sam Riley) doch besser die Nazisekretärinnen oder die jugendliche Geliebte in TV-Schmonzetten geben als das Underground-Groupie.

  • buenaventura 13.01.2008 | 00:54:42
    hashomer
    du, das fand ich jetzt sehr tiefsinnig analysiert von dir.

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