Dexter
Michael C. Hall Interview: Was Sie schon immer über Dex wissen wollten
17.02.2012, 15:45, Text:
Christian Werthschulte, Foto: Herr Müller
In der Serie »Six Feet Under« spielte Michael C. Hall den Spross eines Bestattungsunternehmers. Als Dexter in der gleichnamigen Serie ist er Polizist und Mörder in Personalunion. Intro-Profiler Christian Werthschulte sprach mit ihm über die ungewöhnliche (Doppel-)Rolle.
Dexter Morgan ist ein Kleinbürger. Nach getaner Arbeit kommt er nach Hause und widmet sich seinem Hobby, dem Sortieren. In einer kleinen Schatulle sammelt er die Gegenstände seiner Arbeit: auf Objektträgern gesicherte Blutproben. Dexter kann nicht ohne sie. Tagsüber analysiert er für die Mordkommission der Polizei von Miami die Blutspritzer am Tatort eines Verbrechens, nachts verwischt er die Spuren seiner eigenen Morde. Dexter ist Forensiker und Serienmörder und betreibt seine beiden Passionen jeweils perfektionistisch. »Ich habe viele Interviews mit Serienmördern und auch mit Polizisten gelesen, die Serienkiller profiliert haben«, erzählt Dexter-Darsteller Michael C. Hall im Gespräch, das wir anlässlich der deutschen DVD-Veröffentlichung der vierten Staffel der Serie führen. »Dexter würde es sicher genauso machen, aber das ist gar nicht notwendig. Er ist durch sein Doppelleben und die Einblicke, die es ihm bietet, in der Lage, ein auffälliges Profil zu vermeiden.«
Lass dich nicht erwischen!
In der 2006 gestarteten Serie erscheint Dexter als Produkt seiner Kindheit. Dexters Mutter war ein Polizeispitzel und wurde vor seinen Augen ermordet. Harry Morgan, ein Polizist, adoptiert den Jungen und erkennt schnell, dass Dexter kein gewöhnliches Kind ist. Psychologen würden ihn als klassischen Psychopathen bezeichnen. Ihm fehlt die Fähigkeit zur Empathie, seine Handlungen sind die reine Imitation der Handlungen anderer Menschen, die er mit zwei Behelfsmitteln zu verstehen versucht: dem technischen Equipment seines Labors und Harrys Code. Als seinem Adoptivvater nämlich klar wird, dass Dexter ein Killer ist, lehrt er ihn einen Verhaltenskodex, der aus nur zwei Regeln besteht: »Lass dich nie erwischen!« und »Töte niemals einen Unschuldigen!«. Für seinen Sohn eine Einladung zur Lynchjustiz. Die Selbstermächtigung Dexters führt dazu, dass sich mutmaßliche Verbrecher statt vor dem Richter unter seinem Skalpell wiederfinden.
Die Drehbuchautoren spitzen das psychoanalytische Dilemma immer mehr zu. Eigentlich müsste Dexter den Code verletzen und damit auch symbolisch seinen Vater töten, um nicht für ewig in der Rolle des gehorsamen Kindes gefangen zu bleiben. Dieser Gesetzesbruch steht dauernd im Raum, wird aber im Gegensatz zu anderen nie begangen. Ein wenig erinnert das an die HBO-Serie »Six Feet Under«, mit der Michael C. Hall in der Rolle des Bestattungsunternehmer-Sohnes David Fisher gehobene Serien-Darsteller-Prominenz erlangte: Das Gesetz des Vaters wiegt stärker als die Gesetze des Zusammenlebens. Auch die Fishers waren eine von den Codes des Patriarchen beherrschte Familie.
Die Geheimnisse des Erfolges
Als Zuschauer schlüpft man unweigerlich in die Rolle von Dexters Komplizen. Der Vorspann der Serie führt mit Close-ups Dexters Morgenritual zwischen Frühstücksspeck und Zahnseide vor, der selbstreflexive Off-Dialog richtet sich an die Dexter-Fans wie an ein Tagebuch. Vor seiner Familie trägt Dexter eine Maske, dem Publikum präsentiert er sich als vertrauensseliger Freund – mit wachsendem Erfolg. »Dexter« ist die erfolgreichste Sendung auf dem Pay-TV-Sender Showtime. »Wir alle haben unsere Schattenseiten, wir alle hüten Geheimnisse«, erklärt sich Michael C. Hall die Beliebtheit seines Charakters nach kurzem Nachdenken. »Dexter hat vielleicht größere Geheimnisse als der Durchschnitt, aber gerade das macht es für die Zuschauer leichter, eine Beziehung zu ihm aufzubauen.« Weil »Dexter« letztendlich auch ein Coming-of-age-Drama ist, wächst diese Beziehung von Staffel zu Staffel. Aus dem Laboranten mit dunklen Absichten wird ein runder Charakter, der zum ersten Mal Sex hat, Freundschaften schließt und letztendlich sogar eine eigene Familie hat. »Die größte Schwierigkeit, wenn man einen Typen wie Dexter spielt, ist, dass er mittlerweile an einem Punkt ist, wo ich ihn in der ersten Staffel niemals gesehen hätte«, meint Michael C. Hall, der die Serie ko-produziert und am Drehbuch mitschreibt. Dexters Frau Rita oder seine Schwester Debra sind diejenigen, die seine Entwicklung nach vorne treiben, ihn immer wieder überraschen und herausfordern.
Nach wahren Begebenheiten
In der vierten Staffel scheint Dexter auch seinen perfekten männlichen Gegenpart zu finden. Als frisch gebackener Vater muss er nicht nur seine nächtlichen Mordausflüge vor der Familie verstecken, sondern sich auch mit dreckigen Babywindeln herumschlagen. Da kommt ihm Arthur Mitchell (John Lithgow) gerade recht. Der ist Oberhaupt einer glücklich wirkenden Kleinfamilie mit christlichen Hobbys. Dazu zählt auch das Verprügeln der Kinder. Außerhalb dieser Familienidylle ist er der Serienmörder Trinity, der Frauen nach einem festen Muster tötet. Dexter erkennt in Mitchell einen Seelenverwandten und sucht seine Freundschaft. »Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Dexter und Trinity war einer der spannendsten Momente in der Geschichte bisher«, erinnert sich Michael C. Hall. »John Lithgow ist ein fantastischer Schauspieler.« Trinity wurde übrigens nach einem realen Vorbild konstruiert: Der Familienvater Dennis Rader, der als »Bind Torture Killer« zehn Menschen umbrachte, war ein ebenso überzeugter Christ. Diese offene Religionskritik ist der neue Aspekt der vierten »Dexter«-Staffel. Sie variiert das Grundmotiv der Serie. Den eigenen Vater Harry kann Dexter nicht töten, die Anhänger anderer Vaterfiguren verfolgt er jedoch unbarmherzig.
»Dexter – Die komplette vierte Staffel« (USA 2009; R: Marcos Siega; D: Michael C. Hall, Jennifer Carpenter, Julie Benz; Paramount Home Entertainment)
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