Chelsea Hotel
Chelsea On The Rocks
15.11.2011, 13:19, Text:
Cay Clasen
Nachdem Sofia Coppola dem Chateau Marmont in Los Angeles mit »Somewhere« fiktionalen Tribut gezollt hat, widmet sich Abel Ferraras Dokumentation einem New Yorker Hotelmythos.
Es ist wohl nicht nur das von Leonard Cohen besungene ungemachte Bett, das für den legendären Ruf des New Yorker Chelsea Hotels gesorgt hat, sondern eher die Tatsache, dass so ziemlich jeder, der in der internationalen Kunstszene vom Musiker bis zum Filmschaffenden, vom Literaten bis zum Maler im vergangenen Jahrhundert Rang und Namen hatte, dort Quartier bezog. Exemplarisch heißt es etwa in Bob Dylans poetischer Liebesbekundung an seine erste Frau Sara: »Stayin’ up for days in the Chelsea Hotel. Writin’ ›Sad-Eyed Lady Of The Lowlands‹ for you.« Die schönsten Geschichten schreibt also nicht das Leben, die schönsten Geschichten wurden im Chelsea Hotel geschrieben. Allerdings auch die eine oder andere tragische: Nach einer Alkoholvergiftung sollte der Literat Dylan Thomas das Hotel nicht mehr lebend verlassen, die Amour fou von Sid und Nancy endete hier durch einen Messerstich in Zimmer 100, und auch Vicious selbst starb ein Jahr später an einer Überdosis im selben Zimmer des Chelsea Hotels. Im New Yorker Kulturkosmos wurde das 1883 erbaute Hotel vor allem in den turbulenten 60er- und 70er-Jahren zu einem Fixpunkt und unnahbaren Hort für Schriftsteller, Künstler, Musiker und andere vermeintliche Rebellen.
Das ebenso fest mit New York verbundene Regie-Enfant-terrible Abel Ferrara widmet sich in seiner nun auf DVD vorliegenden Dokumentation »Chelsea Hotel« sowohl der beeindruckenden Historie des Hotels als auch denjenigen Gästen, die dort gelebt und gewirkt haben. Ferrara, um den es, sieht man mal von den Flüchen ab, mit denen er Werner Herzog wegen des vermeintlichen Remakes von »Bad Lieutenant« belegte, in den letzten Jahren ruhig geworden war, verbindet man üblicherweise nicht mit Dokumentarfilmen. Wenig erstaunlich also, dass er die strikten Strukturen des Dokumentarfilms gebrochen hat und nicht nur aktuelle und ehemalige Bewohner des Hotels interviewt, darunter so illustre Persönlichkeiten wie Dennis Hopper, Robert Crumb und Ethan Hawke, sondern diese Interviews einbettet in nachgestellte Szenen und Archivaufnahmen. Seine Herangehensweise wirkt manchmal zwar fast schon anstrengend unkonventionell, doch letztlich gelingt Ferrara dann doch der Versuch, die Atmosphäre und den Charme dieses legendären Ortes einzufangen!
»Chelsea Hotel – Chelsea On The Rocks«(USA 2008; R: Abel Ferrara; D: Dennis Hopper, Ethan Hawke, Bijou Phillips, Robert Crumb; Koch Media)
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