SoulBoy
Sonnige Siebziger-Reminiszenz und Flokati-Schwelgerei
12.10.2011, 13:23, Text:
Alexander Dahas
Eine der unwahrscheinlichsten Jugendbewegungen der Welt bekommt eine Hommage. Northern Soul war in den Siebzigern nicht nur Spaß und Musik – sondern auch Klassenkampf.
Jugendliche wechseln ständig zwischen dem Bedürfnis, sich abzugrenzen, und dem, dazuzugehören. Da ist sich die Soziologie sicher. Im schlimmsten Fall wachsen so rechthaberische kleine Scheißer mit Autoritätsproblemen heran, im besten Fall lässige Subkulturen mit eigenen Codes und super Soundtrack. Ein solcher Fall war die unwahrscheinliche Northern-Soul-Bewegung, die in den Siebzigerjahren ausgerechnet dem unwirtlichen Norden Englands die arg benötigte Coolness-Infusion legte. »SoulBoy« versteht sich vor diesem Hintergrund als Coming-of-age-Story, die anhand eines typischen Erweckungserlebnisses Novizen durch die Szene rund um das berühmte Wigan Casino führt.
Die Geschichte dreht sich um den halbwüchsigen Lastwagenfahrer Joe, der bis auf seine Vokuhila-Frisur und die Polyesterhosen durchaus auch im tristen Nachkriegsengland gestrandet sein könnte. Es ist eine Friseurin mit Connections zur bunten Welt der »Allnighter«, die ihn vor dem Langeweiletod in der Provinz rettet und die Vermutung wachküsst, dass auch weiße Loser tanzen können wie Gott. Dazu muss vor allem die Musik stimmen: Man nehme obskure Soul-Singles von amerikanischen Kleinstlabels aus einer Zeit, in der Motown noch klarging, und lässt die schnellsten Stücke davon auf die englische Arbeiterklasse los. Das Ergebnis sind merkwürdig gestylte Dancefloor-Rowdys mit der Konsistenz von Nashörnern und einem breiten Grinsen im Gesicht. Muss man womöglich mögen.
Regisseur Shimmy Marcus (wenn das mal kein passender Name ist!) kann gar nicht anders, als die Begeisterung für sein Sujet zur Schau zu stellen. Und die überträgt sich problemlos auf den Zuschauer. Sein Film ist allerdings nur zur Hälfte sonnige Siebziger-Reminiszenz und Flokati-Schwelgerei. Die andere Seite geht wenig nostalgisch auf die stets unterschwellige Gewalt und die eher bedrückenden Realitäten in Nordengland ein, die sich eben nicht einfach mit einem schmissigen Soundtrack wegtanzen lassen – erst recht nicht, wenn so viel Speed im Spiel ist wie gegen Ende der Bewegung. Und das macht »SoulBoy« zum echten Erlebnis.
Intro empfiehlt: »SoulBoy« (GB 2010; R: Shimmy Marcus; D: Martin Compston, Felicity Jones; Ascot Elite)
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