Ich kann nicht schlafen
Film von Claire Denis jetzt auf DVD
27.04.2011, 17:16, Text:
Astrid Russer, Foto: Intro
Claire Denis drehte 1994 einen großartigen Film über angespannte Verhältnisse und die Suche nach Auswegen. Ein Serienmörder sorgt für zusätzliche Spannung.
Daiga (Yekaterina Golubeva), eine junge Frau aus Litauen, kommt in Paris an. Im Radio läuft ein swingender Song mit dem Refrain »relaxez-vous«. Zynisch kommentiert der Moderator einen weiteren Mord an einer alten Frau – ein Serienkiller ist in der Stadt unterwegs. Daiga hat erst mal andere Sorgen. Sie muss sich ein Zimmer besorgen und kapieren, dass der französische Theaterregisseur, der ihr in Vilnius Versprechen gemacht hat, ein sexistischer Arsch ist.
In lose verbundenen Erzählsträngen begegnen sich in Claire Denis’ »Ich kann nicht schlafen« drei Geschichten: Daiga findet Arbeit in einem Hotel, in dem Camille (Richard Courcet) wohnt, der in Designeranzügen ausgeht und nachts in einer Schwulenbar als Drag auftritt. Sein Bruder Théo (Alex Descas) will nach Martinique, wo die Eltern der beiden herkommen, er selbst aber nie gewesen ist.
Doch seine französische Frau kann dem einfachen Leben am Strand wenig abgewinnen und will, dass sie zusammen in Frankreich bleiben.
Alle Figuren leben eine B-Version ihrer Herzenswünsche. Davon erzählt der Film mit großer Zärtlichkeit, ohne im Geringsten versöhnlich zu sein. Im Gegenteil legt er schonungslos den Finger auf die Wunde einer Gesellschaft, die von Sicherheit träumt und auf Ausbeutung nicht verzichten will. Manipulation und Gewalt sickern ständig durch die Fassaden des Alltags, manchmal sind sie befreiend, aber meist machen sie alles noch schlimmer.
Die Regisseurin erspart uns die übliche psychologisierende und moralisierende Erzählung. Umso erschreckender, wenn man plötzlich sieht, wie Camille seinen teuren Lebensstil organisiert. Meisterhaft spannt Claire Denis über diesen Abgrund einen Zusammenhang von Entfremdung, Rassismus und einer Sprachlosigkeit zwischen den Generationen auf. Anpassung bringt gar nichts, allenfalls geht es mit maximaler Distanz, wie Théo und Daiga es versuchen. Sie warten auf den richtigen Moment. Nicht die Suche nach dem Mörder macht den Film spannend, sondern dieser Versuch, einen Ausweg zu finden. Möglichkeiten gibt es genug: eine offene Wohnungstür, ein Song im Radio, eine kleine Geste beim Tanzen. Aber man kann nie sicher sein, wie lange so eine Situation offen bleibt.
»Ich kann nicht schlafen« (F 1994; R: Claire Denis; D: Yekaterina Golubeva, Richard Courcet; Edition Salzgeber)
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