Alterego - Sprühende Essenz Artikelbild (groß)

Alterego

Sprühende Essenz

21.04.2010, 15:33, Text: Intro


Über fünf Jahre in sieben Ländern und neun Großstädten gefilmt, ein Jahr Post-Production, destilliert aus 50 Stunden Roh-Material. Lars Brinkmann hat sich das Ergebnis dieses Prozesses angeschaut und findet nur lobende Worte für Daniel Thouws Graffiti-Doku „Alterego“.

Alterego“ ist eine Liebeserklärung an die einzige Kunst, die noch immer unter Generalverdacht des Vandalismus steht: Graffiti. In seiner einstündigen Dokumentation zeigt Daniel Thouw – selbst lange Zeit ein Aktivist am Rande der Illegalität –, warum Graffiti endlich und unwiderruflich als die wichtigste künstlerische Bewegung des ausgehenden 20.

und beginnenden 21. Jahrhunderts gelten muss. In keiner Epoche wurde eine auch nur vergleichbare Anzahl von „Exponaten“ in so vielen unterschiedlichen Winkeln der Welt produziert und „ausgestellt“. Kein Stil hat es zuvor geschafft, die Straßen im Sturm zu nehmen. Nur wenige Menschen waren in der Geschichte bereit, für ihre Kunst Ähnliches zu riskieren. All das macht „Alterego“ mit schmerzlicher Intensität deutlich.

Dankenswerterweise hat Thouw gar nicht erst versucht, mit „Alterego“ ein repräsentatives Gesamtbild der Kultur zu zeichnen. Mit ehrlicher Subjektivität konzentrierte er sich auf das, was ihm wichtig erscheint. Gedreht wurde an offensichtlichen Hotspots des Geschehens wie Hamburg, Berlin, New York und L.A.; fast noch interessanter sind die exotischeren Orte wie Hongkong, Sydney, Auckland und São Paulo. Überall hat er Brüder im Geist gefunden, zu denen er, soweit sie ihm nicht bereits bekannt waren, schnell eine persönliche Beziehung entwickelte, die weit über die gemeinsame Liebe zum Graffiti hinausgeht. Sie haben ihm ein Bett gebaut, das Brot geteilt und ihn an die Hand genommen, um ihm die Stadt zu zeigen. Das innige Verhältnis zwischen Filmemacher und seinen Protagonisten mag dann auch ein Grund sein, warum die allesamt durch und durch unprätentiösen Sprayer und/oder Maler ihr Herz öffnen und zum Teil mit erstaunlicher Eloquenz über ihre Geschichte und ihre Motivation sprechen.

Zu den Höhepunkten zählt für mich die Erklärung des Australiers Caib zum Thema Style: „Ich neige dazu, den Style mehr wie eine Strategie zu benutzen. Die Fills und die Art und Weise, wie ich das Piece ausführe, die Techniken sind wie Taktiken. Aber meine gesamte Strategie verändert sich nicht bedeutend, und ich denke, so entwickelt man seinen Style.“ In dieser Aussage steckt mehr, als jeder Cultural-Studies-Jünger in einer Abschlussarbeit unterbringen könnte. Dasselbe gilt für die 60 übrigen Minuten des Films: „Alterego“ ist pure Essenz und ersetzt ganze Bibliotheken, zumindest, was ein Grundverständnis für Graffiti und HipHop-Kultur betrifft.




Intro empfiehlt:
Alterego(D 2008; R: Daniel Thouw; D: Askew, Caib, Caligula, Can2, Daim, Ewok, FDC, Herbert Baglione, Just, Krush, Nunca, Order, Saber, Smash137, Steven Grody, T.Kid, Zak; Thouw Media)



Artikel kommentieren
aus Intro #182 (Mai 2010)
 
  • Mehr Infos

  •  
AlterEgo, Daniel Thouw
Alle Artikel von Intro
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Spalter: Platte und Film des Monats

Spalter: Platte und Film des Monats

Das Intro-Streitgespräch: Jeden Monat eine neue Platte, ein neuer Film und unterschiedliche Meinungen. [...mehr]