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Mad Men / Breaking Bad

Just Say No To HBO

17.02.2010, 11:58, Text: Wolfgang Frömberg
[39 Kommentare]

Während die Werbetexter der Agentur Sterling Cooper sich in den Sechzigerjahren Gedanken über eine Pro-Nixon-Kampagne und Lucky-Strike-Slogans machten, kocht der Chemielehrer Walter H. White im 21. Jahrhundert "Crystal Meth“. In den sehr verschiedenen Serien "Mad Men“ und "Breaking Bad“ handeln die Figuren den Umständen entsprechend – und wahrhaftiger als in den meisten HBO-Werken.

Die wahrhaftigsten US-amerikanischen Serien der Fernseh-Neuzeit kommen entgegen landläufiger Meinung nicht aus dem Hause HBO. Nicht nur "Buffy“-Erfinder Joss Whedon hat uns gelehrt, dass Abweichungen von herrschenden gesellschaftlichen Vorstellungen auch anders als mit dem Gestus des schlauen Qualitätsfernsehens in der Glotze – und vor allem in Serie – dargestellt werden können, um wöchentlich akkurat abgepackte Portionen Gesellschaftsanalyse in dagegen eigentlich resistente Haushalte und Hirne zu versenden und zu hämmern, auch wenn mancher Versuch der Unterwanderung billiger TV-Routine tragischerweise zu früh im Keim erstickt wird (siehe Whedons "Firefly“). Nenn es Subversion oder einfach Aufklärungsunterricht, ganz zu schweigen von der Variation lebenswichtiger Pulp-Formate wie Fantasy oder Lovestory, die im allzu oft betont erwachsen-zynischen HBO-Kosmos nicht zu ihrem Recht kommen. Aber bevor ich ein Selbstgespräch anzettele über die unterschiedlichen Reize der "Gilmore Girls“ und der "Sopranos“ lieber der Hinweis auf zwei Serien, die beide nicht von HBO hergestellt wurden und sich ausgezeichnet als Klammer eines noch virtuellen US-Sittengemäldes von den Fünfzigern bis heute definieren lassen, das wiederum als Box von HBO veröffentlicht werden könnte, wenn man sich beim Sender mal wieder auf die Stärken der ersten vier Staffeln von "The Wire“ besinnen würde. Die drastische, spannende Charakterisierung Baltimores in „The Wire“ – von den prekären Projects über den maroden Hafen bis zum korrupten Rathaus – zählt zum Aufschlussreichsten, was je im Serien-Fernsehen zu sehen war, weil man weiß, dass die gezeigten Hierarchien kapitalistische, also universell gültige sind.


Die von Matthew Weiner konzipierte Ausstattungs- und Zeitgeist-Serie "Mad Men“ porträtiert nun die gut angezogenen, vom Leben verwöhnten und dennoch komplett kaputten Typen, die in der New Yorker Werbeagentur Sterling Cooper Anfang der Sixties die kapitalistischen Verhältnisse mit den für deren Erhaltung und Verbreitung nötigen Looks und Slogans versorgen. Donald Draper & Co. – eine unbefangene Chauvi-Männerwirtschaft, deren explizit auf „attraktiv“ getrimmten weiblichen Antagonisten (Sekretärinnen, Ehefrauen, Gespielinnen) vielleicht irgendeine Zukunft gehört, aber auf keinen Fall die Welt, die sich die wie aus einem Comic-Ei gepellt wirkenden Schnösel schaffen. Realismus lässt hier sowohl die linke Gegenkultur als auch das Selbstzerstörungspotenzial der Werber bereits in Staffel 1 aufscheinen.

Kultur und Gegenkultur, Zerstörung und Selbstzerstörung sind auch in der zweiten Staffel von "Breaking Bad“ (Mastermind: Vince Gilligan) neben einem herausragenden Cast um den besten Schauspieler der Welt, Bryan Cranston, die wichtigsten Parameter. Aber die heutige Gegenkultur ist bloß noch von Drogen, die Kultur von Selbstzweifeln zerfressen. Die Story um Chemielehrer Walter H. White, der nach seiner Krebsdiagnose ohne Wissen der Familie (und vordergründig zu deren Wohl) zum Crystal-Meth-Produzenten wird, wobei er im Kampf mit den kriminellen Elementen bald über mehr Leichen gehen muss als so mancher professionelle Killer, ist als Konsequenz einer Gesellschaft zu verstehen, deren Prinzipien in den Sechzigern noch in schönsten Farben gemalt wurden. Eine Welt, in der Skrupellosigkeit zur Selbstverwirklichung und diese zum Erfolg führt. Bloß während man zu "Mad Men“ gerne eine rauchen würde, vergeht einem bei "Breaking Bad“ echt die Lust.




Breaking Bad – Season 2
(USA 2009; C: Vince Gilligan; D: Anna Gunn, Aaron Paul; Sony)
&
Mad Men – Season 1 (USA 2007; C: Matthew Weiner; D: Jon Hamm, Emelle, Kiernan Shipka; Universal)



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  • User: rockotron
  • rockotron 16.06.2010 | 18:43:34
    lackaffe
    herrje, was für ein selbstgefälliges geschwätz.

  • ösel 17.06.2010 | 02:32:50
    Polterkowski & Söhne
    Bryan Cranston ist der beste Schauspieler der Welt? Öhm...... nein.

  • User: ZeroUno
  • ZeroUno 17.06.2010 | 10:07:20
    says
    "Just Say No To HBO"

    nö.

  • User: Malheur
  • Malheur 17.06.2010 | 12:05:33

    Erwachsen-zynische Fantasy bringt HBO nächstes Jahr.

  • User: Malheur
  • Malheur 17.06.2010 | 12:07:31

    Und AMC hat inzwischen eine dritte Serie, Rubicon. Der Pilot ergibt voll keinen Sinn, sieht aber sehr gut aus.

  • ösel 20.06.2010 | 01:38:42
    Polterkowski & Söhne
    Hab nochmal nachgedacht. Vielleicht ist Bryan Cranston ja doch der beste Schauspieler der Welt, zumindest ist er auf dem besten Weg. Die Filmografie (was das eigentlich fürn Wort?) ist ja schon noch ein bisschen schmal.

  • User: Der Jeff_Dieter
  • Der Jeff_Dieter 20.06.2010 | 03:09:43
    proper tea is theft

    Und AMC hat inzwischen eine dritte Serie, Rubicon. Der Pilot ergibt voll keinen Sinn, sieht aber sehr gut aus.


    Danke! Ich schaue ja nun wirklich viele Serien und bin - bei aller Opposition im wirklichen Leben - dabei auch eigentlich immer gern auch mal fuer verworrene Verschwoerungstheorien zu haben, aber ich habe beim ersten Anschauen des Rubicon-Piloten wirklich fast gar nichts von Belang verstanden. Mir ist nicht mal klar, wo der Protagonist da eigentlich genau arbeitet, geschweige denn, was er im Allgemeinen oder im Besonderen entdeckt zu haben glaubt. Ich bin sehr erleichtert, dass das offenbar nicht nur mir so ging.

  • User: schons
  • schons 21.06.2010 | 19:34:11

    bis ich eingepennt bin, habe ich alles kapiert. schons auf zack!

  • User: Malheur
  • Malheur 21.06.2010 | 22:28:13

    Da brauchts jetzt genaue Zeitangaben. Die ersten zehn Minuten wird ja nur vermittelt, dass James Badge Dale sehr, sehr (!) (sehr!!) schlau ist und viele, viele (viele! ungelogen!) Bücher gelesen hat. Und Kreuzworträtsel kann. Aber dann, und so.

  • User: Malheur
  • Malheur 21.06.2010 | 22:34:42

    Übrigens würde ich die Serie, wenn sie sich in immer neuen Türen-hinter-Türen der Rätselhaftigkeit ergeht, ohne jemals sowas wie einen richtigen Plot zu entwickeln, bis zur zehnten Staffel weiterschauen. Der Twin Peaks-/ Riget-Zuckerzahn ist ein bisschen unterversorgt in letzter Zeit.

  • User: ZeroUno
  • ZeroUno 22.06.2010 | 11:34:24
    says
    uuh, das klingt in der tat interessant...

  • User: rockotron
  • rockotron 22.06.2010 | 12:53:16
    lackaffe
    ooohhh, riget könnte ich auch mal wieder gucken.
    btw:
    lohnt sich eigentlich dieses remake von riget, wenn man das original kennt (und schätzt)?

  • User: ZeroUno
  • ZeroUno 22.06.2010 | 14:13:12
    says
    also, das kann ich mir nicht vorstellen...
    mich hats zumindest nie gereizt!

  • User: die konsum jugend
  • die konsum jugend 03.08.2010 | 11:50:35
    indie
    die ersten beiden episoden von rubicon gesehen: wirkt schon etwas wie am reißbrett entworfen das ganze. dachte erst das spielt in den 70s, aber kann ja nicht sein wegen 9/11.

  • User: Der Jeff_Dieter
  • Der Jeff_Dieter 03.08.2010 | 17:03:11
    proper tea is theft
    Wenn das ist den 70ern spielen sollte, waere da beim Set- und Kostuemdesign aber wirklich so ziemlich alles schief gelaufen. Mich kriegts ja erst mal darueber, dass es bis jetzt wirklich eine Herausforderung ist, der Handlung auch nur ansatzweise zu folgen. Ob das auf Dauer als Attraktion funktioniert, kann ich noch nicht sagen. Was die Erschliessung eines breiteren Publikums angeht, halte ich das allerdings fuer zweifelhaft.

  • User: die konsum jugend
  • die konsum jugend 03.08.2010 | 17:28:01
    indie

    Stylistically, it owes a great deal to slow-burn '70s conspiracy thrillers like The Parallax View and Three Days of the Condor. In fact, the show's fine cinematography is nothing if not an outright homage to the work of the great Gordon Willis, whose off-kilter, modernist framings created paranoid urban landscapes of steel and glass in both The Parallax View and Rubicon's other major influence, All the President's Men.

    However, the influence of '70s cinema goes even deeper than mere style. The world of Rubicon seems completely trapped in the mid '70s. It clearly takes place today and there are references to modern technology, but these are mostly glossed over. The data analysis is done by reading reports in manila folders, not on Google. There are blackboards, and most of the work is done in pencil.

    http://www.slantmagazine.com/tv/review/rubicon/197

  • User: Der Jeff_Dieter
  • Der Jeff_Dieter 03.08.2010 | 17:49:48
    proper tea is theft
    Finde ich alles ueberzeugende Einwaende und Beobachtungen. Aber die Tatsache, dass es nur so wimmelt von (hoffentlich gewollten) aethetischen Zitaten und methodischen Anachronismen ist doch nicht dasselbe wie zu denken das spiele tatsaechlich in den 70er Jahren. Ein Blick auf Kleidung und szenische Austattung reicht da doch voellig um sofort, lange vor der expliziten Erwaehnung von 9/11, zu wissen, dass es sich mehr oder weniger um unsere Gegenwart handeln soll.

    Ist aber ja eigentlich auch ziemlich wurscht. Das mit den Genrezitaten finde ich aber total chic. Das war mir noch ueberhaupt nicht so stark aufgefallen. Werde ich aber bei der naechsten Folge mal drauf achten.

  • User: die konsum jugend
  • die konsum jugend 03.08.2010 | 21:09:32
    indie
    eine detailgetreue nachbildung wie bei mad men ist es natürlich nicht, was abgesehen vom (finanziellen) aufwand vielleicht auch gar nicht so spannend gewesen wäre wie diese "netherworld"

    "We're creating our own little world," Dale said. "It's like some netherworld between 1975 and 2010; this noir-esque kind of place."

  • User: die konsum jugend
  • die konsum jugend 03.08.2010 | 21:47:00
    indie
    spannend ist natürlich relativ. mal die nächsten paar folgen abwarten. im oktober startet übrigens the walking dead

    "We hope to do for zombies what 'Mad Men' has done for advertising,'' Darabont said, referring to the AMC hit.


    Editiert von die konsum jugend am 03.08.2010 21:59:54

  • User: rockotron
  • rockotron 03.08.2010 | 23:04:33
    lackaffe
    mit frank darabont kann das eigentlich auch wahrlich nicht schiefgehen...

  • User: die konsum jugend
  • die konsum jugend 09.08.2010 | 23:30:05
    indie
    auf der comic-con gabe es wohl auch schon einen trailer, allerdings bisher noch nicht online oder nur in sehr schlechter qualität.

    rubicon hat leider doch nicht wie erhofft etwas an fahrt aufgenommen, sondern im gegenteil - die neue folge war wirklich zum einschlafen.
    Rubicon Recap: Inside Baseball

    Editiert von die konsum jugend am 09.08.2010 23:30:43

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