Bronson
Public Stubenhocker No. 1
16.02.2010, 16:16, Text:
Martin Riemann
Was das Problem des zwischen den eigenen vier Wänden und der freien Wildbahn oszillierenden Daseins ist, wussten schon Pascal und von Lowtzow. Nicolas Winding Refn findet im Film über den Knast-Freak Bronson die passenden Bilder.
„Das Unglück des Menschen kommt von einer einzigen Ursache, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann.“ Dieses Zitat Blaise Pascals gehört zu den prägnantesten Aussagen abendländischer Geistesgeschichte. Und diese Wahrheit gilt eigentlich auch für Gefängnisinsassen. Natürlich wimmelt es in Gefängnissen von Menschen, die einfach nur wieder raus wollen. Aber es gibt auch Typen wie Charlie Bronson. Der Mann aus London-Luton scheint für die Zelle geboren. Ihm gebührt die zweifelhafte Ehre, „Englands gewalttätigster Häftling“ zu sein. Ursprünglich nur für ein minderes Raubdelikt verurteilt, benahm sich der mittlerweile 56-Jährige Bronson während seiner Haftstrafe unzählige Male dermaßen bizarr daneben, dass er mittlerweile über 34 Jahre hinter Gittern verbracht hat, davon 30 in Einzelhaft. Zurzeit lebt er in einem Käfig.
Wer aus diesen absurden Fakten ein ernsthaftes Biopic machen wollte, müsste komplett abgestumpft sein bzw. Bernd Eichinger heißen. Glücklicherweise wählt der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn, dessen Spezialität seit jeher Kleinkriminelle sind, die Farce als Ausdrucksmittel und verwandelt das Leben des krankhaften Trotzkopfs Bronson in ein burleskes Panoptikum, das von seinem Ton her noch am ehesten mit Kubricks „Uhrwerk Orange“ vergleichbar ist. Gleich zu Beginn des Films macht die Filmfigur Bronson deutlich, dass das Gefängnis für ihn die Bühne darstellt, auf der er Ruhm erlangen kann. Stilsicher gestaltet er seinen Marathonaufenthalt als eine Dauerperformance, die immer wieder in rituellen Geiselnahmen mündet, deren Höhepunkte die Faustkämpfe zwischen dem durchtrainierten Bronson und dem Gefängnispersonal darstellen. Hauptdarsteller Tom Hardy (der seine in nur sechs Wochen antrainierten Muskeln hier entzückend zur Schau stellt) gelingt es, eine menschliche Inkarnation des Chaos darzustellen, die zum Ende hin in ihrem erratischen Verhalten fast übernatürliche Züge annimmt. Dabei wird der Gewalttäter keinesfalls glorifiziert, eher die komplette Verneinung menschlicher Bedürfnisse aus einer Laune heraus. In diesem Sinne ist der Film das perfekte Pendant zum kürzlich erschienenen Gefängnisfilm „Hunger“, in dem pure Renitenz als politische Waffe eingesetzt wurde. In „Bronson“ dient sie ausschließlich der Selbstverwirklichung.
Bronson (GB 2008; R: Nicolas Winding Refn; D: Tom Hardy, Matt King, Kelly Adams; Kinowelt)
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