District 9
Bester rassistischer Film
16.02.2010, 16:01, Text:
Peter Scheiffele
Ein Oscar für Rassismus? Der Südafrikaner Neill Blomkamp darf sich Chancen ausrechnen, in diesem Jahr von der Academy für sein hyper-neo-realistisches und jetzt auf Blu-ray erscheinendes Alien-Spektakel ausgezeichnet zu werden.
Eine gute Idee? Man verknüpft Science-Fiction-Motive mit angedeutetem Mockumentary-Stil, sorgt für einen Egoshooter-artigen Thrill und durchzieht diesen Mix mit einer von Rassismus aufgeheizten Erzählung einer segregierten Gesellschaft – hier das südafrikanische Johannesburg und dessen Townships. Wenn man die Brutalität, aber auch die scheinbare Banalität des Rassismus an der Alienwerdung der weißen Oberschicht beispielhaft schildert, lässt sich der Rassismus am eigenen Leib erfahren. Ja, eine gute Idee, könnte man sagen, würde nicht "District 9“ selbst an der Zementierung von Rassismen mitrühren, gerade weil an dieser offensichtlich Blockbuster-tauglichen Idee festgehalten und jede weitere Vertiefung verhindert wurde.
Schon nach dem ersten Spieltag waren die von Peter Jackson vorgeschossenen Produktionskosten von "District 9“ eingespielt. Heute ist der von Neill Blomkamp in Szene gesetzte Film für einen Oscar in der Kategorie "Bester Film“ nominiert. In seinem Kurzfilm "Alive In Joburg“ (2005) hatte der Südafrikaner Blomkamp, der zuvor auch für den Egoshooter "Halo“ Filmsequenzen produziert hatte, zentrale Leitmotive von "District 9“ vorweggenommen:
Megaraumschiffe stranden in den 1980er-Jahren über Johannesburg und entlassen Massen von krabbeligen Aliengestalten nach Soweto, wo es zu einer Unterschichtung und Gettoisierung kommt. Schon in "Alive In Joburg“ spielt Sharlto Copley den mustergültigen Bürokraten einer Säuberungseinheit – als Wickus Van De Merwe wird er in "District 9“ zusätzlich von einer mysteriösen Flüssigkeit infiziert, verwandelt sich zum "Prawn“ und erfährt so die ganze Gewalt des rassistischen Systems am eigenen Leibe. Das weiße Publikum fühlt mit. Für "Alive In Joburg“ sprach Blomkamp mit Soweto-Bewohnern und befragte sie nach Nigerianern und Migranten aus Simbabwe, die mit ihnen dort leben. Antwort: Man wisse nicht, was sie denken und was sie als Nächstes tun werden. Man fühle sich bedroht, und sie sollten endlich dorthin gehen, woher sie kämen. Passgenau geschnitten, landeten die Interviewfetzen nun als Aussagen über die Aliens im Drehbuch. Die Realitätssplitter bohren sich ins Fiktive. Sie dienen dort als Beleg für den Rassismus der davon ebenfalls erblich belasteten schwarzen südafrikanischen Bevölkerung. Über dieses reißerische wie entfremdende Manöver bastelt sich Blomkamp geschickt eine Legitimationsgrundlage, um auch in "District 9“ ungebrochen rassistisch – hier vor allem über Nigerianer – herziehen zu können. Munter werden Aliens vermenschlicht, wohingegen die Nigerianer als die eigentlichen Aliens in Erscheinung treten: kannibalische, abergläubische Racketeers, die, von Habgier und Machtwille getrieben, vor nichts zurückschrecken.
District 9 (USA/NZ 2009; R: Neill Blomkamp; D: Sharlto Copley, Jason Cope, Nathalie Boltt; Sony)
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