The End / La Vida Loca / Last Stop 174
Aus den Teufelskreisen
25.01.2010, 17:26, Text:
Martin Riemann
Zwei Dokumentationen und ein Spielfilm beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Auswüchsen der Gewalt, die die Gesellschaft und das Kino permanent antreiben. Mal als Gangsterparade, mal als schonungslose Gesellschaftskritik.
Die Wurzeln von Kriminalität liegen in sozialer Benachteiligung und familiärer Vernachlässigung. Diese Idee bekommt man jedenfalls, wenn man sich diese drei in Kürze erscheinenden „True-Crime-Filme“ anschaut. Alle zeigen echte Verbrechen, alle enthalten sich weitestgehend einer moralischen Diffamierung der Protagonisten. So bekommt man in Nicola Collins’ „The End“ (der Titel spielt auf den einst berüchtigten Londoner Bezirk East End an) eine regelrechte Gangsterparade vorgeführt, die genau das Bild vom Berufsverbrecher widerspiegelt, wie man es vom Kino kennen und lieben gelernt hat. Prominente Toughguys erzählen aus „der guten alten Zeit“ des East End, ohne sich bei ihren Schilderungen krimineller Eskapaden freilich allzu sehr selbst zu belasten. Die ruppig geschnittene Schwarz-Weiß-Ästhetik verleiht diesen – äußerlich ohnehin schon immens beeindruckenden – Veteranen der Gewalt die Aura von Titanen. Brutalität und Aggressionen werden auf visuell anspruchsvolle Weise ziemlich unverblümt mit Würde, Stolz und Coolness gleichgesetzt. Das mag daran liegen, dass der Vater der Regisseurin ebenfalls zu den präsentierten „Cockney Gangstern“ gehört, spiegelt aber auch die generelle Verehrung wider, die England für seine Räuber, Mörder und Schläger empfindet.
Erhöhte Gewaltbereitschaft ist auch anderswo ein probates Mittel, um sich Respekt zu verschaffen. Die Jugendbanden von El Salvador führen die Vorstellung von organisierter Kriminalität allerdings in dem Sinne ad absurdum, dass ihnen die Zugehörigkeit zu einer der beiden großen Jugendgangs (oder „Maras“, wie sie in Südamerika genannt werden) augenscheinlich keine materiellen Vorteile bringt, sondern nur das Risiko birgt, auf offener Straße abgeknallt zu werden. In Christian Povedas hervorragendem Dokumentarfilm „La Vida Loca“ ereilt gleich drei (!) der vorgestellten Jugendlichen dieses Schicksal. Poveda dürfte der erste Dokumentarfilmer sein, der so hautnah in diese hochgefährliche Szene eintauchen konnte. Und wahrscheinlich bis auf Weiteres auch der letzte, denn der französische Filmemacher und Fotograf starb vor wenigen Monaten während seiner Recherchen mit vier Kugeln im Kopf in der Nähe von San Salvador. Sein Vermächtnis ist ein intensiver Film über bizarr tätowierte Kinder in einem absurden Teufelskreis aus Verwahrlosung, Hilflosigkeit und eiskalter Grausamkeit.
Kriminelle Kinder gehören auch in Brasilien schon lange zur Tagesordnung. Besonderes mediales Aufsehen erregte im Jahr 2000 die Entführung eines Linienbusses in Rio de Janeiro durch einen 22-Jährigen, die in einem Blutbad endete. Die Geschichte des jungen Entführers, der als Kind seine Mutter bei einem Raubmord sterben sieht, auf der Straße landet und durch seine Drogensucht zum Verbrecher wird, war ebenfalls schon Thema eines viel beachteten Dokumentarfilms. „Last Stop 174“ versucht nun mit den Mitteln des Spielfilms die Biografie des Straßenkinds zu beleuchten und baut dabei sowohl eine Liebesgeschichte als auch eine Mutter-Sohn-Beziehung der besonderen Art ein. Regisseur Bruno Barreta setzt auf einen schnellen Erzählstil, Laiendarsteller und sauberes Handwerk. Romantische Verklärung à la „The End“ finden sich bei ihm nicht. Dafür ist die Gewalt in den Favelas einfach zu alltäglich.
The End (USA 2008; R: Nicola Collins; D: Sunfilm)
La Vida Loca – Die Todesgang (E/F/MEX 2008; R: Christian Poveda; Ascot Elite)
Last Stop 174 (BR 2008; R: Bruno Barreto; D: Michel Gomes, Chris Vianna; Euro Video)
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