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Gimme Shelter

Die Hölle auf Erden

23.11.2009, 12:14, Text: Friedhelm Krieg

1969 war kein gutes Jahr für die Hippies. Charles Mansons Family beendete den Traum von Love, Peace and Harmony. Und der Versuch der Stones, ein eigenes Woodstock auf die Beine zu stellen, wurde von einem Mord überschattet, der auch in der Doku der Maysles-Brüder zu sehen ist. Friedhelm Krieg berichtet.

Die Cinéma-vérité-Pioniere David und Albert Maysles wurden 1969 von den Rolling Stones während deren USA-Tour beauftragt, das Konzert im Madison Square Garden zu dokumentieren. Die Maysles, die gerne Klassik hörten und bis zu diesem Zeitpunkt nicht viel über die Stones wussten, waren so beeindruckt von der Band, dass sie das Projekt ausdehnten. Es kulminierte schließlich in dem berüchtigten Gratis-Konzert am Altamont Speedway, zu dem mehr als 300.000 Leute anreisten. Beabsichtigt war, das, was vier Monate zuvor in Woodstock geschehen war, an der Westküste neu aufleben zu lassen. Die Sache verlief jedoch anders.


Als Ordnungskräfte wurden lokale Gangs der Hell's Angels engagiert. In England hatten die Stones mit Motorradfreunden gleichen Namens und deren Diensten als Sicherheitskräfte bei einem Gratis-Konzert im Hyde Park gute Erfahrungen gemacht, die USA-Abteilung jedoch war ein anderes Kaliber: In Altamont schlug ein Hell's Angel Jefferson Airplanes Sänger Marty Balin während des Auftritts der Band zusammen. Und im Publikum befanden sich nicht wenige Menschen auf einem schlechten Drogentrip. Als Mick Jagger aus dem Hubschrauber stieg, mit dem die Band eingeflogen worden war, schlug ihn ein "Fan" in die Fresse. Die Atmosphäre in Altamont hatte wenig mit "Peace" zu tun. Das Desaster war perfekt, als der 18-jährige Afroamerikaner Meredith Hunter von einem Mitglied der Hell's Angels während des Stones-Auftritts erstochen wurde. Hunter hatte einen Revolver in der Hand. Dies ist auf den Filmbildern zu sehen, die die Maysles auf Anregung ihrer Cutterin und Ko-Regisseurin Charlotte Zwerin hin Mick Jagger vorführten, um dessen Reaktion zu filmen.


Es gibt in "Gimme Shelter" keine Interview-Fragen und keine Off-Kommentare der Filmemacher, die Methode der Maysles ist, Bilder und Personen für sich sprechen zu lassen. Jagger macht ein regungsloses Gesicht, das Fassungslosigkeit und Verwirrung zu spiegeln scheint. Die Stones werden nicht entlastet durch diesen Film, wie es zeitgenössische Kritiker wie Pauline Kael oder Greil Marcus sahen. Sie werden allerdings auch nicht belastet. Der Film zeigt die Widersprüche des verwickelten Geschehens und gibt den Zuschauern keine vorgefertigten Schlussfolgerungen mit auf den Weg. Es ist unangenehm, die filmisch hervorragend eingefangene, ausdrucksstarke, hippe Konzert-Performance im Madison Square Garden zu sehen, umgeben von Szenen, die das Desaster in Altamont ankündigen. Man weiß weder, wie man als Zuschauer damit umgehen soll, noch, wie es die Filmemacher hätten besser machen können.


Gimme Shelter (USA 1970; R: Albert & David Maysles; Warner Home)




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aus Intro #178 (Dezember 2009/Januar 2010)

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