Harun Farocki
Nie mit dem Holzhammer
20.11.2009, 17:02, Text:
Wolfgang Frömberg
Klassische Arbeit (meint: Industrie- bzw. Handarbeit) kommt in heutigen Spiel- und Dokumentarfilmen kaum vor. Im Vordergrund steht die mediale Arbeit selbst. Harun Farocki, 1944 in der heutigen Tschechischen Republik geboren, befasst sich in seinem Schaffen seit den 60er-Jahren mit klassischer Arbeit und der ästhetischen Perspektive auf jene. Eine Ausstellung in Köln und eine DVD-Edition verschaffen einen Überblick über sein Werk.
Wozu kann ein Film gut sein, zumal ein Dokumentarfilm? Eine Frage, die sich bereits die Brüder Lumière 1895 stellten, als sie eine Form der Bewegung mit dem Cinématographe vor einem kleinen Kreis von Zuschauern zur Aufführung brachten: "Arbeiter verlassen die Lumière-Werke". Der Filmemacher Harun Farocki begann zu einer Zeit mit dem Filmschaffen, als die Beschäftigung mit bewegten Bildern verstärkt mit dem Wissen um deren Ursprünge und der Auseinandersetzung mit ihren Wirkungsweisen verbunden war. Und zwar in einer Ära, als das Politische im Sinne von Praxis Hochkunjunktur hatte. Der kurze Film "Die Worte des Vorsitzenden" verhält sich 1967 deutlich - und mit einer guten Portion Humor - zur Politisierung der Studenten. Der aufgeführte Mummenschanz verdeutlicht, dass sich der Regisseur als Teil einer kritischen Masse begreift. Ein starkes Interesse an Zusammenhängen und Trennungslinien zwischen Art und Aktion, Wort und Tat ist gleich zu bemerken.
1996 berichtete er in einem Werkstattgespräch: "Der kleine Film nimmt die Redensart wörtlich: 'Die Worte werden zu einer Waffe.' Das hat zur Folge, dass die Waffen gänzlich papieren sind. Der Film ist sich also bewusst, dass bei diesen rhetorischen Gleichsetzungen ein bestimmter Rest nicht aufgeht." Da ist also immer ein Rest, ein Kratzen im Hals, auch wenn einem manchmal zwischen den Bildern ein Licht aufgeht.
Die umfangreiche Harun-Farocki-Edition "Filme 1967-2005" veranschaulicht anhand von 21 Filmen, wie der Filmemacher über die Reste verfügt. Es ist eine nachvollziehbare Bewegung im Werk auszumachen, ob es sich um eine schulfilmartige Beschäftigung mit Vietnam und den Stätten der Kriegsproduktion handelt ("Nicht löschbares Feuer", 1969) oder um "Gefängnisbilder" (2000), die aus der sicheren Entfernung der überwachenden, kontrollierenden, strafenden Gesellschaft ein umso drastischeres Zeugnis ausstellen. Höhepunkte der Edition, die Farocki mal als neugierig fragenden, mal als sich selbst das Beobachtete einflüsternden, aber nie als bemüht belehrenden Dokumentaristen vorstellt, sind die von den Lumières ausgehende Arbeit/Kino-Collage "Arbeiter verlassen die Fabrik" (1995) sowie das Porträt "Georg K. Glaser - Schriftsteller und Schmied" (1988).
In beiden Fällen kommen die Realitäten klassischer Arbeit und die Möglichkeiten der Kunst, die Auswirkungen der Industrialisierung und die Mittel des individuellen Widerstands auf eine anrührende bis aufrüttelnde Weise zur Sprache - in Ton und Bild. Wenn man Glaser in seiner Werkstatt unermüdlich hat hämmern sehen, bekommt man eine andere Idee von Handwerk.
Das Handwerk Farockis hat sich mit den Jahren auch hin zu Installationen im Kunstausstellungskontext verlagert. Es trifft sich, dass im Kölner Museum Ludwig eine Tradition gepflegt wird, die sich dem Wirken von Künstlern zwischen Kunst und Kino widmet, zuletzt mit Kutlug Atamans auf verschiedene Böden der Tatsachen zielenden "Küba/Paradise". Nun läuft im Ludwig eine hervorragend kuratierte Farocki-Überblicksausstellung. Die Werkschau zeigt sieben Videos und Installationen zwischen 1995 und jetzt, zudem sind "Die Worte des Vorsitzenden" zu sehen. Wozu also kann ein Film gut sein, zumal ein Dokumentarfilm? Der Regisseur Michael Haneke ("Das weiße Band") erklärte jüngst im Gespräch, der Dokumentarfilm könne nur reagieren, nicht agieren. Das, so lehrt uns Farocki, ist wie die Wahl der Waffen Ansichtssache.
Die DVD-Edition "Harun Farocki - Filme 1967-2005" ist bereits bei Absolut Medien erschienen. "
"Harun Farocki - Ausstellung und Filmprogramm" im Kölner Museum Ludwig läuft noch bis zum 7. März 2010.
Ein englischsprachiges Buch zum Thema, "Harun Farocki - Against What? Against Whom?", edited by Antje Ehmann und Kodwo Eshun, ist bei Koenig Books, London erschienen.
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