Revanche - Prinzipien, Präzision und Pingeligkeit Artikelbild (groß)

Revanche

Prinzipien, Präzision und Pingeligkeit

16.10.2009, 16:09, Text: Lars Brinkmann

Götz Spielmanns psychologisches Spiel mit dem Rachegedanken, während dessen Verlauf eine Menge Holz gehackt wird und nicht wenige Späne fallen, war sogar für einen Oscar nominiert. Lars Brinkmann hat einen guten Film gesehen und fand doch einige Haare in der Suppe.

Wer sich nach dem Film noch leicht benommen das Interview mit dem Autoren und Regisseur ansieht, muss den Fernseher lauter stellen. Behäbig antwortet Götz Spielmann seinem unsichtbaren Gegenüber: ''Die Frage, worum geht’s in diesem Film ... Doas spüaht man doch, das weissss ich, das muss ich miar nicht definieahn.'' Und weil ihm das als Ausdruck seiner künstlerischen Vision noch nicht reicht, schiebt er eher unbeholfen nach: ''Darum brauch ich diesen Gedanken nicht für meine Arbeit.'' Wie sich der nuschelnde Spielmann in seinem kultivierten, langsam näselnden Österreichisch selbst umschwänzelt, das muss man gehört haben, um es zu glauben und zu hassen. Was für eine kolossal unsympathische Type!


Dem Himmel sei Dank habe ich das nicht vor dem Film gesehen. Manchmal wäre es sicherlich besser, auf Extras wie dieses zu verzichten. Dem anderen Himmel und meiner Erziehung sei Dank, dass ich die Hunderte von überschwänglichsten ''Kritiken'' mit deren endlosen Lobhudeleien nicht vorher gelesen habe. (Was übrigens in einer Besprechung von „Revanche“ offenbar nicht fehlen darf, und ich komme diesem ungeschriebenen Gebot gern nach, ist der Hinweis auf den *zwinker-zwinker* Doppelsinn des Titels zwischen Rache und zweiter Chance *zwinker-zwinker*.) Spätestens nach Spielmann-Interview, Presseschau und Oscar-Rummel möchte man diesen Film hassen. Das ist aber schon aufgrund der hervorragenden Schauspieler und der exzellenten Kameraarbeit nicht möglich. Die Geschichte hingegen, die ist nicht besonders raffiniert. Ein paar Kollegen meinen, wie bei der Band The XX vom ''Spektakulären des Unspektakulären'' schreiben zu müssen. Ein Euphemismus für: Da passiert nicht viel, das aber zwei Stunden lang. Auch die Metaphorik erscheint manchmal so platt, als müsste sie sich an Begriffspaaren abarbeiten – Stadt/Land, Geld/Liebe, Lärm/Stille, Hure/Heilige, Räuber/Polizist, Schuld/Sühne, Leben/Tod –, dennoch verfehlt sie nicht ihre Wirkung.


Ähnliches gilt für stilistische Kunstgriffe: z. B. sieht man heute allerorts im Film und Fernsehen diesen entsättigten Look, doch nur selten wird er so sinnvoll eingesetzt. Zudem sorgen der Ton und die fehlende Musik für eine zusätzliche eigenartige Verstimmung. Irgendwo in den Extras salbadert Spielmann etwas von Präzision – und tatsächlich sind es am Ende des Films die Genauigkeit, mit der er die Geschichte bei allen dramaturgischen Schwächen zu einem durch und durch befriedigenden Ende treibt, die Liebe zum Detail, eine fast schon manisch erscheinende Pingeligkeit, die ''Revanche'' dann doch zu so einem sehenswerten Film machen. Aber hütet euch vor den Extras!

Revanche (A 2008; R: Götz Spielmann; D: Johannes Krisch, Irina Potapenko; Filmgalerie 451)

 



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 
Anzeige