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Intro empfiehlt: Mad Detective

Shoot-out mit Kettenrasseln

16.10.2009, 15:47, Text: Martin Riemann

Johnny To ist eine Ikone des Hongkong-Kinos. Mit  ''Mad Detective'' aus dem Jahre 2007 scheint er sich seine künstlerische Vision erfüllt zu haben. Psychologisches Kino mit einer Menge Action, wilden Perspektivwechseln und stoischer Charakterstudie.

Die außergewöhnlichste Fähigkeit des Hongkonger Regisseurs Johnny To liegt in der Inszenierung von Gruppen. Ein einziger Filmheld reicht dem Mann selten, um sein Hauptthema – ritualisiertes Verhalten in Interessengemeinschaften – in Szene zu setzen. Die spektakulärsten Momente seiner Filme sind deshalb immer Tableau-artige Aufnahmen verschiedener Charaktere, deren Beziehung zueinander weniger durch den Schnitt als tatsächlich durch die minutiöse Gestaltung der jeweiligen Einstellung transportiert wird.


Selbst die im Hongkong-Kino so beliebten Shoot-outs, die sich eher durch rasante Montage und dynamische Akteure auszeichnen, geraten in den Filmen Tos zu statischen Planspielen, in denen strategisch Stellung bezogen und unter allen Umständen gehalten werden muss, da sonst das komplexe Gefüge zwischen den Figuren zerbricht. Der Gedanke, dass To die Filmsprache nutzt, um mit mehreren Personen die Psyche eines Einzigen zu veranschaulichen, lag da schon immer nahe. Mit ''Mad Detective'' hievt To diese Idee gemeinsam mit seinem Regiepartner Wai aus dem Subtext direkt in die Handlung, d. h., er legt hier seine Vorstellung von der menschlichen Seele offen auf den Tisch: Inspektor Bun, der ''Mad Detective'', ist nämlich ein Polizeibeamter, der über die besondere Gabe verfügt, die tatsächliche Persönlichkeit eines Menschen als eine Art Geist wahrzunehmen. Der Geist unterscheidet sich extrem von dem Bild, das sich die Allgemeinheit von der jeweiligen Person macht.



Für Bun ist das Ich jemand anderes als die äußere Hülle, die ihm Raum bietet. Und verfügt ein Mensch über eine multiple Persönlichkeit, sind wir genau dort, wo To mit seinen Filmen schon immer hin wollte: Bun verfolgt einen Straftäter mit einer multiplen Persönlichkeit, der sich also in eine Vielzahl vollkommen unterschiedlicher Charaktere aufspaltet, die Bun natürlich alle sehen kann. Und hier stellt das Regieteam To/Wai sein Können unter Beweis: In ständigem Perspektivenwechsel wird derselbe Platz, den eine Figur einnimmt, plötzlich von sieben Figuren bevölkert, die alle in der einen ''wohnen''. Bemerkenswert ist, wie konsequent und doch leichtfüßig To und Wai ihre seltsame Grundidee durchziehen und dabei ständig zwischen Komik und Tragik hin und her pendeln. Dabei genießen sie es offensichtlich, den Zuschauer über einen gewissen Zeitraum in Verwirrung zu stürzen. Und da zeigt sich: Je weniger die Filmemacher versuchen, alles genau zu erklären, desto größer ist das Vergnügen. Und davon hat man in ''Mad Detective'' eine ganze Menge.

Intro empfiehlt: Mad Detective (HK 2007; R: Johnny To, Ka-Fai Wai; D: Ching Wan Lau, Kwok-Lun Lee, Andy On; Alamode)



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aus Intro #177 (November 2009)
 
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