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Il Divo

Bucklige Sphinx

23.09.2009, 14:16, Text: Cay Clasen

Politik ist ein schmutziges Geschäft, das mitunter zu brillanten Filmen führt. Schließlich findet man in dem Moloch Charaktere, die sich kein Drehbuchautor ausdenken könnte. Ob nun ''Herr Wichmann von der CDU'' oder Italiens Legende Giulio Andreotti.

In Zeiten des Wahlkampfes wirft man heutigen Politikern im Vergleich zu ihren Vorgängern der letzten 30 Jahre gerne Profillosigkeit vor. Damals nämlich vermutete man noch echte Charaktere. In Deutschland mag dies sogar gerechtfertigt sein, anders sieht es in Italien aus. Dort gibt es in der Politik auch weiterhin skandalumwitterte Larger-than-life-Persönlichkeiten, man denke nur an Berlusconi. Der vielleicht rätselhaftesten Figur der italienischen Nachkriegspolitik, Giulio Andreotti, hat sich Regisseur Paolo Sorrentino in ''Il Divo – Der Göttliche'' angenommen. Zwar hat das italienische Wahlvolk den kaum fassbaren Schlawinern, die sich aus allen Skandalen rauswinden und an denen nichts haften zu bleiben scheint, stets eher Bewunderung als Verachtung entgegengebracht, doch selbst für italienische Verhältnisse stellt Andreotti eine Ausnahme dar.


Der 1992 zum Senator auf Lebenszeit ernannte Andreotti war im Laufe seiner politischen Karriere sieben Mal Premierminister und an 33 Regierungen mehr als 20 Mal als Minister beteiligt – aber auch 29 Mal gerichtlich angeklagt: wegen so gut wie allem, was je in Italien passiert ist, abgesehen von den punischen Kriegen, wie es zu Beginn des Filmes heißt. Die Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität konnte er unter teils dubiosen Umständen 28 Mal verhindern. In zweiter Instanz wurde er schließlich wegen angeblicher Mafiabegünstigungen im Jahr 2002 zu 24 Jahren Haft verurteilt, was kurz darauf in einer Berufungsverhandlung wegen zwischenzeitlicher Verjährung allerdings wieder aufgehoben wurde.

Sorrentino versucht sich der buckligen Sphinx (Toni Servillo) auf dem Wege einer politischen Farce, angesiedelt in den Jahren 1991 bis 93, anzunähern. Jener Zeit, als die großen Mafiaprozesse in Palermo begannen und Andreotti ein letztes Mal angeklagt werden sollte. Schon die ersten Minuten legen das für Italien typische Geflecht aus Politik, Kirche und der Spinne Mafia offen und zeichnen Andreotti als brillanten und lauernden Strippenzieher in der Mitte, umgeben von aufgeblasenen und eitlen Gecken. Weitestgehend stützt sich der Film auf gerichtliche wie geschichtliche Fakten. Für die nie geklärten Anklagepunkte wählt Sorrentino in seiner virtuosen Abrechnung mit dem politischen System Italiens den Weg mehr oder weniger deutlicher Anspielungen und lässt so den Zuschauer das Urteil fällen, zu dem es in der Realität nie kam.


Il Divo – Der Göttliche (I/F 2008; R: Paolo Sorrentino; D: Toni Servillo, Giulio Bosetti, Livia Danese, Paolo Graziosi; EuroVideo)



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