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Barfly / The Wrestler

Vom Schmerz gezeichnet

15.09.2009, 12:42, Text: Lars Brinkmann

Diesen Monat erscheinen zwei Filme auf DVD, über die sich der Bogen der langen schwarzen Stunden in der Karriere des Mickey Rourke spannen lässt. Lars Brinkmann lässt aus diesem Anlass Revue passieren, woher der Mann kommt und wohin es ihn verschlug.In den 80ern war Mickey Rourke Hollywoods schönster Hätschelknabe.

Aufgewachsen in Liberty City, einem besonders harten, vorwiegend schwarzen Viertel Floridas, ausgebildeter Boxer und dennoch mit einem Gesicht gesegnet, das Frauen dahinschmelzen ließ, war Mickey einfach dazu prädestiniert, ein herb-männliches Sexsymbol zu werden. Aber neben der richtigen Physiognomie besaß er auch jede Menge schauspielerisches Talent.


Der legendäre Regisseur Elia Kazan behauptete, von Rourke als Student die beste Audition in 30 Jahren gesehen zu haben. Renommierte Kollegen wie Francis Ford Coppola, Michael Cimino, Barry Levinson und Alan Parker waren von seinen Qualitäten überzeugt und boten ihm Rollen an. Er glänzte in ''Rumble Fish'' (1983), ''The Pope Of Greenwich Village'' (1984), ''Year Of The Dragon'' (1985) und ''Angel Heart'' (1987). Der Publikumserfolg ''9 1/'2 Wochen'' zementierte 1986 seinen Ruf als Womanizer, mochte die zickige Kim Basinger noch so oft kolportieren, dass Mickey wie ein ''menschlicher Aschenbecher'' schmecke. ''Barfly'' (1987) kam wie ein letztes Aufbäumen, danach ging’s steil bergab. Genau vierzig Mickey-Rourke-Filme liegen zwischen ''Barfly'' und ''The Wrestler''.

Die Hälfte muss man nicht gesehen haben, die andere hat man nach dem Sehen schnell vergessen. Zuletzt konnte der inzwischen 56-Jährige wieder mit kleineren Rollen in ''Spun'', ''Once Upon A Time In Mexico'' und ''Sin City'' auf sich aufmerksam machen. In einem Interview behauptete Rourke jüngst, zu den 90ern könne er nichts sagen, die hätte er nicht erlebt, sondern nur ''auf der Bank gesessen''. Rourke ist der Erste, der zugibt, dass er selbst Schuld hat(te). Lieblingszitat: ''You know the song ‘I Fought The Law And The Law Won’? Well, I fought the system and it kicked the living shit out of me!'' Vielleicht verleiht er deswegen in seinen Rollen den Verlierern und Marginalisierten eine besondere Würde. Ob nun als genialer Alkoholiker oder als abgewrackter Wrestler, seine Figuren sind nie jämmerlich oder erbärmlich. Er ist nie das, was unsere Rapper-Freunde zum bezeichnenden Schimpfwort unserer Zeit geadelt haben: ein ''Opfer''.



Trotz Beratervertrag und Cameo mochte Charles Bukowski nicht, was Regisseur Barbet Schroeder gemeinsam mit dem kunstvoll verschmuddelten Rourke und seiner zehn Jahre älteren Partnerin, ''Dusty-Beauty'' Faye Dunaway, aus der literarischen Vorlage gemacht hatte. Später veröffentlichte Buk sogar einen ätzenden Schlüsselroman mit dem symbolträchtigen Titel ''Hollywood'', um seine Erlebnisse während des Drehs zu verarbeiten. Dennoch bleibt ''Barfly'' neben ''Factotum'' mit Matt Dillon die einzig glaubhafte filmische Annäherung an den Mythos ''Hank'' Chinaski, Bukowskis literarisches Alter Ego. Und während andere Rourke-Großtaten wie ''Angel Heart'' mit der Figur des Harry Angel / Johnny Favourite in ihrem schwülen 80er-Dunst heutzutage vielleicht doch etwas ''dated'' wirken, ist ''Barfly'' in Ehren ergraut. Mit dem Wrestler Randy ''The Ram'' Robinson macht Rourke dort weiter, wo er als Henry Chinaski aufgehört hat.



Doch während ihm die Rolle des Trinkers insbesondere in der damaligen Zeit nicht viel abverlangt hatte, musste er sich als Wrestler richtig ins Zeug legen: Gewicht und Muskeln zulegen, die persönliche Hölle in sich suchen, den alten Schmerz anzapfen. Das ist ihm mehr als nur gut gelungen. In einer gerechten Welt hätte er neben dem Golden Globe auch Sean Penns Oscar bekommen. ''The Wrestler'' ist ein Triumph, wie ihn nur das Leben schreibt, das es nicht immer gut mit einem meint. Wenn das kein Trost ist ...

The Wrestler
(USA 2008; R: Darren Aronofsky; D: Mickey Rourke, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood; Kinowelt)

Barfly
(USA 1987; R: Barbet Schroeder; D: Mickey Rourke, Faye Dunaway, Alice Krige, Jack Nance; Kinowelt)



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aus Intro #175 (September 2009)
 
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