Hunger
Wider die Einverleibung
14.09.2009, 17:23, Text:
Martin Riemann
Steve McQueens Film über den Hungerstreik von IRA-Häftlingen Anfang der 80er versucht sich nicht an einer Dramatisierung der Ereignisse. Der Regisseur erklärt sich vielmehr auf eine zeigende Art und Weise solidarisch mit nackter Widerstandskraft.
Die Häftlingsstreiks im Maze Prison Anfang der 80er zählen sicher zu den dramatischsten Ereignissen des Nordirlandkonflikts. Nachdem den dort eingesperrten IRA-Häftlingen der Status politischer Gefangener entzogen worden war, wehrten diese sich zunächst mit einem ''schmutzigen Protest'', d. h. Verweigerung der Gefängniskleidung, Arbeitsverweigerung, Vernachlässigung der Körperpflege sowie Verunreinigung des Zellentrakts mit den eigenen Fäkalien.
Als diese extremen Maßnahmen keine erwünschte Wirkung zeigten, begannen einige der Insassen einen Hungerstreik, in dessen Verlauf zehn Häftlinge starben, unter ihnen der Unterhaus-Abgeordnete Bobby Sands. ''Hunger'' zeigt diese Ereignisse. Er erzählt sie nicht. Auf eine dramaturgische Verwurstung der Geschehnisse, wie sie immer üblicher wird, wird verzichtet. Das ist die große Leistung dieses Films und gleichzeitig die Voraussetzung für eine unmittelbar physische Vermittlung einer Auseinandersetzung, deren Bedeutung weit über die historischen Tatsachen hinausgeht.
Hier geht es um den Konflikt Mensch gegen System in seiner reinsten Form. Der Mensch ist aller Mittel beraubt, und das System schikaniert ihn so lange, bis es sich ihn einverleibt hat. Man kennt das heute noch. Erstaunlich ist, dass der Mensch sich immer wehren kann, und zwar durch seine bare Existenz bzw. deren Absonderungen. Die eigenen Ausscheidungen werden zu einer mächtigen Waffe, die dem Systempersonal das Leben zur Hölle macht. ''Hunger'' schafft es, dass man fasziniert zusieht, wie konzentrische Kreise aus Scheiße mühsam von einem Wasserstrahl weggespült werden.
Und dass man nach einer Stunde, in der kaum geredet wird, gebannt einen gut zwanzigminütigen Dialog verfolgt, der größtenteils aus einer einzigen Einstellung besteht. McQueen liefert solche formalen Wagnisse mit Bravour ab und weist seinen Kollegen damit hoffentlich neue Wege. Im letzten Teil des Films steigert er sich noch und nähert sich knapp dem Wahnsinn: Hauptdarsteller Michael Fassbender hungerte sich für die Darstellung der letzten Tage des Bobby Sands derart herunter, dass man Angst bekommt, nicht nur um den körperlichen Verfall der Figur, sondern auch um die Gesundheit des Darstellers. Ein ''Making of'' dürfte ein bestürzendes Dokument sein. Nicht weil jemand aus Ehrgeiz sein Wohlbefinden riskiert, sondern weil ein Thema so ernst genommen wird, dass man nicht anders kann, als sich körperlich darauf einzulassen. Kein Method Acting, sondern einfach Liebe.
Hunger (GB/IRL 2008; R: Steve McQueen; D: Michael Fassbender, Liam Cunningham, Brian Milligan; Ascot Elite
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