Tracey Fragments
Albtraum oder Wahnvorstellungen?
08.06.2009, 18:19, Text:
Martin Riemann
Regisseur Bruce McDonald nutzt Freund Split-Screen, um die subjektiven Erfahrungen eines 15-jährigen Mädchens am Rande des Nervenzusammenbruchs fassbar zu machen. "Tracey Fragments" zerlegt die Welt einer klassischen Außenseiterin. Von Martin Riemann.
Der Split-Screen hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Vor allem TV-Serien wie "24" nutzen ihn ausgiebig, um verschiedene Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen, das Tempo zu beschleunigen und somit die Kurzweiligkeit bis zum Limit zu steigern. Dank Internet und der Vielzahl an digitalen Medien können Filmemacher heute davon ausgehen, dass ihr Publikum es gewöhnt ist, sich auf mehrere Informationsträger gleichzeitig zu konzentrieren bzw. deren gegenseitigen Zusammenhang zu begreifen. In dieser Hinsicht mutet es fast anachronistisch an, dass man im Kino noch immer einem einzigen vormontierten Handlungsablauf folgen soll.
Für "Tracey Fragments" wurde das Ausgangsmaterial nun über die ganze Lauflänge zerlegt und puzzleartig zusammengefügt, d. h., man sieht so gut wie immer ein ganzes Prisma an Einstellungen, vergleichbar mit einer Seite aus einem Comic. Anders als beim spannungsorientierten Gebrauch des Split-Screens versucht sich Regisseur Bruce McDonald mit dieser Technik an einem introspektiven und entschleunigten Blick in das Bewusstsein einer 15-Jährigen.
Tracey (Ellen Page) leidet entweder unter erheblichen Wahnvorstellungen oder lebt ganz einfach in einem Albtraum. Ob im Elternhaus oder in der Schule - überall erlebt die Außenseiterin Kälte, Bosheit und Erniedrigungen. Die einzige Bezugsperson ist ihr kleiner, offensichtlich zurückgebliebener Bruder, der verschwunden ist. Traceys Suche ist die einzige Handlung des Films, und die spielt sich hauptsächlich in einem Linienbus ab. Aber "Tracey Fragments" sollte man ohnehin als Experimentalfilm sehen, der mehr Wert auf formale Gestaltung als auf seine fiktionale Ebene legt. McDonalds Gebrauch der Split-Screen-Technik ist dementsprechend von narrativen Zwängen weitgehend befreit: Szenen wiederholen sich an verschiedenen Punkten im Bild, Bildausschnitte wandern herum oder drehen sich, Szenen des Films treffen non-linear aufeinander, Tracey spricht das Publikum direkt an usw. Der Zuschauer wird aufgefordert, sich ein eigenes Bild von Traceys Erlebniswelt zu machen, in der die anderen Darsteller wie Pappfiguren in einer Geisterbahn auftauchen. Letztendlich stellt sich die Frage, inwieweit McDonalds Montagetechnik dazu geeignet ist, die subjektiven Erfahrungen eines jungen Mädchens am Rande des Nervenzusammenbruchs fassbar zu machen. Und hier kann Ellen Pages wirrer Höllenritt an einigen Stellen durchaus punkten. Sage ich jetzt mal als Außenstehender.
Intro empfiehlt:
Tracey Fragments (CDN 2007; R: Bruce McDonald; D: Ellen Page; Koch Media)
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