39,90 / Jan Kounen
Im Interview: Angst und Schrecken in der Werbung
23.03.2009, 11:13, Text:
Martin Riemann
Mit "39,90" macht Jan Kounen aus Frédéric Beigbeders literarischer Abrechung mit der Werbeindustrie eine Achterbahnfahrt in die Abgründe der menschlichen Existenz. Martin Riemann im Gespräch mit dem Regisseur über Stil und Mittel.
Werbung wird mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt. "39,90" erscheint wie eine bewusste Nachahmung von Werbeästhetik. Wo ist der Unterschied zwischen einem visuellen Stil im Film und dem in der Werbung?
Nun, das ist deine Aufgabe, den Unterschied herauszufinden, nicht meine. Ich gebe dir aber einen Tipp: Es geht nicht nur um Nachahmung, sondern darum, die Waffen des Gegners für die eigene Sache einzusetzen - in diesem Fall die Suggestionskraft einer visuellen Idee.
Offensichtlich interessiert Sie die Visualisierung von Rauschzuständen. Schon in "Blueberry" war das ein Thema. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Drogen und Kino?
In "Blueberry" geht es nicht um Drogen, sondern um Heilpflanzen, die in den Zustand erweiterter Erkenntnis versetzen. "39,90" zeigt die Verwirrung, in die uns die Einnahme von Drogen stürzen kann. Wir Abendländer sind wegen des Drogenkonsums wieder zu Wilden geworden. Ich sehe in der Tat Parallelen zwischen Drogen und Film, da das Kino immer alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel nutzt, um die Wahrnehmung des Zuschauers zu verändern (z. B. Close-ups, Zeitsprünge, verlangsamte Tonspur). Die Filmsprache hat mit der "Sprache" bewusstseinsverändernder Substanzen also sehr viel gemeinsam.
"39,90" scheint von Abhängigkeit zu handeln. Die Protagonisten des Films versuchen, andere zum Konsum zu verführen, schaffen das aber nur, indem sie selbst Drogen nehmen.
Das wahre Abhängigkeitsproblem heutzutage ist ein Konsumverhalten, bei dem Menschen in gedankenlose Konsumenten verwandelt oder sogar selbst zu Produkten werden sollen. Die Drogen im Film dienen zu nichts anderem als der beschleunigten Darstellung von Zuständen - Abhängigkeit und Entgiftung führen zu einer Reunion mit den Dingen essenzieller Natur.
Haben Sie das Gefühl, dass die Werbeindustrie zu der Zerstörung unserer Kultur beiträgt?
Was die Kultur zerstört, ist ihre Vermarktung durch Anzug tragende Absolventen von Wirtschaftshochschulen. Durch deren Entscheidungen wird aus einem Kulturgut ganz schnell standardisierte Verbrauchsware. In dieser Hinsicht ist das TV-Programm viel gefährlicher als Werbung. Werbung bleibt immer Werbung. Sie versucht, deine Aufmerksamkeit zu bekommen, macht aber keinen Hehl daraus, dass sie dir Suppe verkaufen will. Sie ist eher eine subtile Spiegelung unseres Alltags, die Spitze des Eisbergs.
Intro empfiehlt: 39,90 (F 2007; R: Jan Kounen; D: Jean Dujardin, Patrick Mille, Vahina Giocante; Alamode)
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