Absolut Warhola - D 2001 Artikelbild (groß)

Absolut Warhola

D 2001

18.08.2008, 16:47, Text: Frank Geber

Dem großen W nachträglich zum Geburtstag. Allerdings ist "Absolut Warhola" gar keine Doku über Warhol, sondern darüber, "wie Mythen boomen können, wenn man sich aus der Perspektivlosigkeit beamen muss". Ein Besuch in der Provinz. Von Frank Geber.

Trostloses Matschwetter. Ein jugendlicher Mann, der nach dem Weg gefragt wird, schaut in die Kamera und vermutet sofort ganz richtig, dass eine Doku über Andy Warhol gedreht wird. Was sonst? Wir befinden uns nicht in Manhattan, da könnte eine Filmcrew ja wer weiß wen oder was im Visier haben. Wir befinden uns in der wirtschaftlich und überhaupt schwer brachliegenden slowakischen Provinz nahe der ukrainischen und polnischen Grenze, kurz vor dem Ziel auf dem nicht ausgeschilderten Weg nach Medzilaborce. Dort steht ein verworfenes Warhol-Museum - schmucklos beige-grau zusammenbetoniert, mit mittlerweile undichtem Flachdach und zwei Brillo-Dosen-Säulen vor dem Eingang, deren so langsam verwitterndes Rot im Vergleich zum fahlen verlassenen Rest der Szenerie grotesk bunt und aufdringlich wirkt. Innen, zwischen Warhols Taufkleid und Bildern, verschwimmen Kunstsammlung und Reliquienschrein, Pop Art und Pop Religion. Und leider gibt es neben Spendengesuchen auch Ressentiments gegen "Zigeuner".


Nicht weit von Medzilaborce, in Mikowá, wohnen viele Warholas, Verwandte von Andy/Andreijku und seinen vor langer Zeit von hier emigrierten Eltern. Man ist stolz auf den Gepriesenen, der zwar nie hier gelebt, es aber geschafft hat in der unverständlichen Welt jenseits des mental schwer überbrückbaren Dorfhorizonts. Über die raum-zeitliche Entfernung hinweg wurden ein paar Fakten gekrümmt: Andreijku war nicht schwul, sondern hatte vor, zu heiraten und in seine Heimat zurückzukehren. Und was Andreijku aus dem Jenseits heimgeschickt hat, wurde nicht vergeudet: Bemalte Schuhe trug man auf, aus Zeichnungen machte man Tröten für die Kinder. Irgendwann warf man alles weg.

Hier ist es gut, hier hat man alles, was man zum Kochen braucht: Zwiebeln, Karotten, Karotten, Zwiebeln. "Die Kartoffeln wachsen nicht so richtig. Kohl gibt es - wenn man ihn auf dem Markt kauft." Zum Leben bleiben genereller Stoizismus, Akkordeonspiel und: Wodka. Also doch keine Doku über Warhol, sondern darüber, wie Mythen boomen können, wenn man sich aus der Perspektivlosigkeit beamen muss. Eine Doku über den Glamour des Rudimentäralltags. Gespräch über einen improvisierten Wackelkontaktkabelwasserkocher: "Man weiß nie, wie lang es dauert, bis es kocht." - "Es riecht seltsam. Schmort da nicht das Kabel?" - "Nein, der Geruch kommt vom Nachbarn, der hat keine Sanitäranlage."

Absolut Warhola (D 2001; R: Stanislaw Mucha; Kinowelt)



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