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I'm Not There

USA 2007

16.07.2008, 18:32, Text: arno raffeiner

Das Paradoxe als produktive Macht: Mit der Nicht-Biografie von Bob Dylan hat Todd Haynes die vielleicht einzig wahrhaftige Form der Biopics gefunden: Kapitulation vor der Materialfülle als Weg. Arno Raffeiner über Haynes' Methode und seine Stilpirouetten.

Das Genre ist vollkommen perfektioniert, formal zur immer gleichen Meisterschaft gebracht. Von Johnny Cash über Ray Charles bis zu 50 Cent, um einige Beispiele aus der Abteilung Popstars zu nennen, gelten die gleichen Biopic-Konstanten: Heroisierung, Einlullung, Nullrisiko. Dekonstruktion tut not. Auftritt Todd Haynes, Auftritt Bob Dylan, pardon: Nicht-Auftritt! Denn schon der Titel dieses Films ist eine Warnung: Er ist nicht da.


Haynes' Zugriff auf das biografische Format gleicht einer Demontage. Natürlich hat er in Bob Dylan die Idealbesetzung für ein solches Unterfangen gefunden: eine Popstarpersona im beständigen Widerspruch ihrer selbst. Doch diese Figur wechselt hier nicht einfach von der Folkklampfe zur elektrischen Gitarre oder vom Amphetamin-Ekel zum religiösen Fanatiker. Die abwesende Hauptfigur ist mal Arthur Rimbaud, dann Woody Guthrie, Billy The Kid, Frauenheld, Pastor, Arschloch, Frau, Kind. "I'm Not There" ist ein Flickenteppich aus filmischen Stilpirouetten. Der Anspruch auf Vollständigkeit dankt gerade in dieser Materialfülle automatisch ab.

Die Komplexität von Haynes' Film erzählt davon, dass sie immer unterkomplex bleiben muss. Kino als Desillusionsmaschine, die trotzdem wunderbar anzusehen, ja, anzustaunen ist. Etwa die eins zu eins nachgedrehte Scorsese-Hommage mit Cate Blanchett in der Rolle des Jude Quinn - noch so ein Spiel mit Realitätsebenen und ihrer Rekonstruktion. Später dann Richard Gere alias Billy The Kid, dessen Episode mit ihrer plakativen Entschleunigung und der ollen Zirkusmaskerade nervt. Doch auch das funktioniert im Sinne des produktiven Paradoxons: Man erleidet verschiedene Tempi, verschieden blöde Lebensphasen einer Figur, die letzten Endes im Film nie abgebildet werden kann. Die Fußnote zum visuellen Nicht-Spektakel: Auch alle Musik ließ der Regisseur für den Film nachspielen. Bob Dylan ist als großer Abwesender nicht einmal zu hören.

Todd Haynes verzettelt sich natürlich im Zuviel an Ideen und nicht zu bändigendem Material. Doch im Grunde ist Überforderung die richtige Antwort auf die Anmaßung des Formats Biopic. Erinnern wir uns an "Being John Malkovich" von Spike Jonze: Wer wollte sich wirklich dem Horror aussetzen, im Leben eines anderen Menschen gefangen zu sein?


I'm Not There (USA 2007; R: Todd Haynes; D: Christian Bale, Cate Blanchett, Marcus Carl Franklin, Richard Gere, Heath Ledger, Ben Whishaw; Ufa)



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