Tampopo
J 1986
16.07.2008, 18:27, Text:
Frank Geber
In "Tampopo" geht es aber nicht nur um japanische Nudeln, deren Zubereitung, deren Genuss. Genres werden schmackhaft aufbereitet, bittere gesellschaftliche Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Frank Geber schlemmt mit.Juzo Itamis Antwort auf "Spaghetti-Western".
Man sollte sich satt gegessen haben, bevor man diesen Film anschaut. Oder ein mehrgängiges Menü griffbereit halten. Sonst wird's hart. In "Tampopo" dreht sich alles ums Essen. Hauptsächlich um Ramen, das japanische Nudelgericht. Es geht wahnwitzig, obsessiv, hingebungsvoll, verbissen - und dabei immer wieder erstaunlich zwanglos zu. Auch und gerade beim Ausleben von Schrullen wie der des zwanghaften Nahrungsmittel(zer)drückens im Feinkostladen. Die Skurrilität kennt in Juzo Itamis Film kaum Grenzen. Das hat etwas zutiefst Befreiendes. Obwohl die Haupthandlung um die Ramen-Imbiss-Betreiberin Tampopo erst einmal mit den üblichen Hindernissen einer Existenzgründung aufwartet. Die zielbewusste, opferbereite Frau in der Bredouille, der ein wortkarger Durchreisender Beistand leistet, bis sie es geschafft hat.
Hauptdarsteller Tsutomu Yamazakis Rolle erinnert u. a. an Eastwood-Charaktere in Leone-Filmen. Der "Noodle-Western" als Itamis Antwort auf Italo-Western, aber auch auf klassische US-Western oder Samurai-Filme. Mal ist eine verfeindete Imbisskoch-Bande breitbeinig im Anmarsch, mal wird Duellszenen-artig Ramen serviert und probiert. Daneben werden weitere Genres aufgegriffen: Gangster-Film, Soft-Porno, Komödie, Melodram, Thriller, Detektivgeschichte, Slapstick.
Traumwandlerisch gelingen Übergänge von einer Szene zur personell und Storyline-mäßig nicht unbedingt verbundenen nächsten. Die Kamera gelangt etwa von der Küche eines Hotel-Restaurants mit den Bediensteten zu verschiedenen Gästen oder bleibt auf der Straße einfach bei Passanten hängen, um ihnen in eine neue Episode zu folgen. Das ist so elegant wie chaotisch und überraschend. Unmerklich befindet man sich auf der Schiene zur Abschweifung, um nicht zu sagen: Ausschweifung. Eine weitere Vignette, ein neuer Amuse-Gueule. Wobei immer wieder Zusammenhänge zwischen Schlemmen und Sex vorgeführt werden; und natürlich welche zwischen Menü-Zubereitung und Film-Machen; auch der Tod kriegt seine groteske Szene. Zwischen Profanitäten und Epiphanien hält das Essen alles zusammen. Oder vielleicht doch nicht so ganz, wenn Itami mit satirischem Unterton gesellschaftliche Hierarchien leichtfüßig auf den Kopf stellt. Clochards erweisen sich als distinguierte Gourmets, während eine Geschäftsmännerposse von der französischen Speisekarte hoffnungslos überfordert ist.
Tampopo (J 1986; R: Juzo Itami; D: Tsutomu Yamazaki, Nobuko Miyamoto; Sunfilm)
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