Deutsche Trilogie - D 1972-77 Artikelbild (groß)

Deutsche Trilogie

D 1972-77

20.06.2008, 18:00, Text: Martin Büsser

Hans-Jürgen Syberberg schrieb Bücher über "Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege".


 

Jetzt liegt seine 13 Stunden lange Trilogie über Ludwig II., Karl May und Hitler vor. Für Martin Büsser zeigt sich darin Syberbergs infamer Ästhetizismus.
 

Diedrich Diederichsen ist kein Autor, der sich allzu leicht zu einer persönlich werdenden Polemik hinreißen lässt. In "Freiheit macht arm" platzte ihm dann aber doch der Kragen. Grund dafür war Hans-Jürgen Syberbergs 1990 beim Matthes&Seitz-Verlag erschienenes Buch "Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege", eines der vielleicht dreistesten Zeugnisse der Neuen Rechten. Darin behauptet und beklagt Syberberg, die Linken und Juden hätten nach dem Krieg alle kulturelle Macht an sich gerissen und so zu einem kulturellen Zerfall Deutschlands beigetragen. "Wer mit den Juden ging wie mit den Linken", so Syberberg, "machte Karriere und hatte es nicht unbedingt mit Liebe oder Verständnis oder gar Zuneigung zu tun."


Die alles beherrschende Kultur der Linken und Juden sei nämlich eine "Ästhetik des Kleinen, Schmutzigen, Kranken", dem man Werte wie Schönheit, Nation und Provinz entgegenhalten müsse. Diederichsen war entsetzt, dass "Witzfiguren wie dieser windige Wagnerianer" im Post-Wende-Deutschland wieder ernst genommen wurden. Aber wurde er das? Während Botho Strauß mit seinem Essay "Anschwellender Bocksgesang", in dem der Autor Verständnis für brandmordende Neonazis andeutete, für eine heftige öffentliche Debatte sorgte, ging Syberbergs wirres Geraune sang- und klanglos unter.


 

Immerhin wird der "windige Wagnerianer" inzwischen wieder so ernst genommen, dass seine geschlagene 13 Stunden lange "Deutsche Trilogie" über Ludwig II., Karl May und Hitler nun als DVD-Box vorliegt. Kino im herkömmlichen Sinne ist das nicht, sterbenslangweilig wird auf Theaterbühnen jenes tiefsinnige Gefasel an den Tag gelegt, das Adorno einmal "Jargon der Eigentlichkeit" nannte.


 

Aus dem Geist der Romantik und Gegenaufklärung heraus will Syberberg Hitler fassen und verheddert sich dabei: Nicht erst in seinem Buch von 1990 liest sich fast jeder Satz wie eine Adaption von Hitlers berüchtigter Rede zur "Großen Deutschen Kunstausstellung" von 1937, schon in seinen Filmen aus den 1970ern erliegt Syberberg seinem Objekt der Begierde. Die Opfer des Nationalsozialismus sind ihm ziemlich egal, vielmehr bedauert er, dass Hitler - laut Syberberg "ein genialisches Medium des Weltgeistes" - durch seine Taten jene Kulturtradition zunichte gemacht habe, der Syberbergs Filme nachtrauern. Dieser reine Ästhetizismus ist ebenso zynisch wie infam. Umso verwunderlicher, dass Syberberg mit seinem "Hitler"-Film in den USA prominente Fans wie Martin Scorsese und Susan Sontag fand. Dann doch lieber Trash und Camp statt solch einen verschwurbelten Schwanengesang.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 
Anzeige
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]