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Control

GB 2007

[R: Anton Corbijn; D: Sam Riley, Samantha Morton, Craig Parkinson, Joe Anderson]

27.05.2008, 14:24, Text: Lars Brinkmann

Anton Corbijn poliert mit "Control" sein Image als Meister der schwarz-weißen Fotografie auf. Und setzt gleichzeitig der Ikone Ian Curtis - manisch-melancholischer Sonderling! - ein Denkmal. Was Franz Kafkas Bordellbesuche mit der Hommage zu tun haben, erklärt Lars Brinkmann.




Der epileptische Anfall eines Mädchens inspirierte Ian Curtis zu "She's Lost Control", dem Song, der später durch seine eigene Erkrankung eine autobiografische Note bekam. Vergleicht man die frühe Aufnahme auf "Unknown Pleasures" mit der ein Jahr später als B-Seite von "Atmosphere" veröffentlichten Version, fällt auf, dass der Song von Curtis um eine entscheidende, letzte Strophe ergänzt wurde: "I could live a little better with the myths and the lies / When the darkness broke in, I just broke down and cried. / I could live a little in a wider line / When the change is gone, when the urge is gone / To lose control when here we come."

In den vorangegangenen drei Strophen bzw. in der alten Version verliert ausschließlich das Mädchen die Kontrolle ... Fast drei Jahrzehnte später liefert der Song die Inspiration für den Titel einer filmischen Annäherung, die wiederum auf den Erinnerungen von Deborah Curtis basiert, der Witwe des Frontmanns von Joy Division. Auf dem berühmtesten Foto der Band, einem Schuss für die Post-Punk-Hall-Of-Fame, sind sie als anonyme Dunkelmänner in einem Tunnel von hinten zu sehen, nur Ian Curtis dreht sich zur Kamera um. Das perfekte Sinnbild für "Control", nicht zuletzt, weil der Künstler hinter der Kamera derselbe ist: Anton Corbijn.

Und der gebürtige Holländer, bekannt für seine mehr schwarzen als weißen Lichtbilder mit den tiefen Schatten und der groben Körnung, wollte bekanntlich keinen Musik- oder Bandfilm machen, sondern einen über das Einzelphänomen Ian Curtis. Das ist ihm so gut gelungen, dass "Control" als ironische Fußnote seiner Vita zweifelsohne als Musikfilm in die Geschichte eingehen wird. Zu deutlich wurden Ian Curtis' Leben, Schicksal und Freitod von Joy Division antizipiert, geprägt und gespiegelt. Jede seiner Zeilen lädt zu Interpretationen ein, und die sind alles andere als werkimmanent. Daran wird der Film wenig ändern. Wie sonst nur ein Kafka wird uns dieser Ian Curtis als derselbe entrückte Sonderling präsentiert, den seine Fans kennen und lieben.

Und so wie bis vor Kurzem die Tatsache, dass Kafka in den Puff gegangen ist, aus Rücksicht auf sein Image als feingeistiger Neurotiker unterschlagen wurde, soll auch "Control" Ian Curtis im fahlen Licht bekannter Bewunderung präsentieren. Das sei ihm und seinem Andenken vergönnt, aber, um es in Anspielung auf einen seiner besonders burlesken Späße zu sagen: Etwas mehr Scheiße auf dem Lichtschalter wäre schon schön gewesen ...




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