
Tribute
Atom Egoyan
22.10.2007, 17:03, Text:
Martin Büsser
Im Grunde ist es egal, woher jemand kommt. Doch das jüngere kanadische Independent-Kino zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es dank seines ambivalenten Blicks auf Hollywood so etwas wie eine eigene Schule ausgebildet hat: eine Spur Autorenkino, eine Spur ironische Verarbeitung von Hollywood, was bei \\"Wahre Lügen\\" (2005), dem jüngsten Film von Atom Egoyan, besonders deutlich wurde. \\"Ich fühle mich unbedingt als kanadischer Regisseur\\", sagte selbst David Cronenberg im Interview mit Artechock. Dabei ist er der amerikanischste Regisseur der Gruppe um Filmemacher wie Atom Egoyan, Guy Maddin, Bruce McDonald und Don MacKellar.
Der in Armenien geborene Egoyan, Sohn einer Hippiefamilie, die mit seinem Vornamen ein Zeichen gegen das Wettrüsten setzen wollte, beherrscht beides: Seine Filme weisen die formale Perfektion und Unterhaltsamkeit von Hollywood auf, arbeiten zugleich aber auch mit Ambivalenz, mit Zweifeln gegenüber der intakten Fassade. Mit Hilfe des an sich verlogenen, weil Wahrheit vorgaukelnden Kinos stellt er den Wahrheitsgehalt dessen in Frage, was wir sehen und was um uns herum geschieht.
Davon handelt auch Egoyans vielleicht zugänglichster Film, \\"Das süße Jenseits\\" (1997), der wie ein klassisches Melodrama daherkommt: Ein Schulbus verunglückt, bis auf die Busfahrerin und ein Mädchen kommen alle Insassen ums Leben. Aufdringlich versucht ein Anwalt, die Eltern zu überreden, in einem Prozess nach dem Schuldigen zu suchen. Doch was tun, wenn es keine klar benennbare Schuld gibt? Schnell wird klar, dass der Anwalt damit vor allem persönliche Ziele verfolgt, nämlich die Sorgen wegen seiner drogenabhängigen Tochter dadurch in den Griff bekommen will, dass er die Welt in Schuldige, in Gute und Böse einteilt. All das scheitert am Ende und ist damit natürlich auch ein Seitenhieb auf die Welt der \\"good\\" und \\"bad guys\\" in Hollywood.
In Egoyans Filmen gibt es allerdings noch viel mehr zu entdecken - großartige Kameraarbeit, ständiges Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums und einen heimatlos umherirrenden Blick, den Egoyan selbst als \\"postkoloniale Identität\\" bezeichnete -, wären sie denn endlich mal in Deutschland als DVD erhältlich. Zentrale Filme wie \\"Exotica\\" (1994) und \\"Ararat\\" (2002) sind bislang nur als Importe zu beziehen; seinen persönlichsten, in Armenien spielenden Film \\"Kalender\\" (1993) gibt es nur als US-DVD, obwohl es sich um eine Ko-Produktion des \\"Kleinen Fernsehspiels\\" handelt. Immerhin ist \\"Das süße Jenseits\\" jetzt innerhalb der im Oktober startenden \\"Arthaus Collection\\" (Kinowelt) erschienen.
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