
Die März Akte
D 1984
[R: Peter Gehrig; D: Jörg Schröder, Barbara Kalender, Horst Tomayer; Absolut Medien]
22.10.2007, 17:55, Text:
Martin Büsser
Wer in den 70er-Jahren in einem auch nur halbwegs linken Milieu aufwuchs, kam an den März-Büchern im einheitlich knallgelben Layout nicht vorbei. Bei März waren u. a. \\"Sexfront\\" von Günter Amendt, Ken Keseys \\"Einer flog übers Kuckucksnest\\", \\"Die Reise\\" von Bernward Vesper und die legendäre, von Rolf Dieter Brinkmann und Rainer Rygulla herausgegebene \\"Acid\\"-Anthologie erschienen. Die März-Allianz aus Sozialismus, Sex und Pop lief außer Konkurrenz.
Zu einer Zeit, als Literatur für viele Linke das größte denkbare Schimpfwort war, präsentierte Verleger Jörg Schröder ein sinnliches, an keinerlei Dogmen gebundenes Programm.
1984, kurz vorm endgültigen Konkurs, drehte Peter Gehrig das preisgekrönte Porträt \\"Die März Akte\\" für den Bayerischen Rundfunk. \\"Es gibt nichts Langweiligeres, als zu zeigen, wie ein Verlag funktioniert\\", resümiert Jörg Schröder Jahre später: \\"Von außen stellt man sich das vielleicht ganz spannend vor, tatsächlich sitzen da aber nur Menschen am Schreibtisch, die telefonieren oder in Manuskripten blättern.\\" Also wurde mit dem Schauspieler Horst Tomayer als Betriebsprüfer eine Rahmenhandlung inszeniert, die zwei Welten aufeinanderprallen lässt: den progressiven, linken Verlag schlechthin und einen biederen, nahezu unbestechlichen Finanzbeamten, an dem 1968 und die Folgen fast spurlos vorbeigegangen sind. Der Film beginnt, als Tomayer mit seinem Mofa in den Vogelsbergkreis aufbricht, um dort die Buchhaltung des März-Verlages zu prüfen.
Neben dem halbfiktiven Plot kommen Verleger und Autoren zu Wort, unter anderem Schröders Ex-Mitarbeiter K.D. Wolff - heute Verlag Roter Stern. Viele ehemalige Weggefährten lassen kein gutes Haar mehr an Jörg Schröder. Doch der schlägt zurück: Dieser Teil der \\"März Akte\\" bestehe aus verbalem Schlagabtausch, so geschnitten, dass oft Aussage gegen Aussage stehe. Die meiste Sympathie heimst am Ende dann doch Jörg Schröder ein, etwa, wenn er sich über Wolff lustig macht, der im roten Verlags-Stern kein kommunistisches Symbol mehr sehen mag, sondern ihn der Öffentlichkeit inzwischen als \\"surrealistisches Gebilde\\" verkauft, das gar keinen politischen Hintergrund habe. Dieser Einblick in die Schlangengrube des deutschen Literaturbetriebs ist so kurzweilig und komisch, dass man kein einziges März-Buch kennen muss, um sofort mitgerissen zu sein.
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