
Die Chroniken von Erdsee
J 2006
22.10.2007, 17:59, Text:
Birgit Binder
Es gibt sie, die filmischen Projekte, die durch große Namen und Synergieeffekte zum kommerziellen, wenn auch nicht unweigerlich zum künstlerischen Erfolg führen können. \\"Die Chroniken von Erdsee\\", eine Studio-Ghibli-Produktion nach der Vorlage von Ursula K. Le Guins \\"Erdsee\\"-Büchern, schmiegt sich vermeintlich passgenau in diese Kategorie. Seit \\"Prinzessin Mononoke\\" und \\"Chihiros Reise ins Zauberland\\" ist das japanische Studio weltweit als Garant für anspruchsvolle Animationsfilme jenseits aller Altersgrenzen bekannt. Dazu trug der Fokus des 2005 in Venedig für sein Lebenswerk ausgezeichneten Regisseurs und Studiomitbegründers Hayao Miyazaki auf die Themen Ökologie und Umweltschutz bei.
Nicht zu vergessen die emanzipierten Mädchen- und Frauenfiguren. Rückblickend so glaubhaft wie konsequent bemühte sich Miyazaki erstmals in den 80er-Jahren - erfolglos - um das Einverständnis der Autorin zur \\"Erdsee\\"-Adaption. Le Guins Fantasy-Zyklus in sechs Bänden (1968-2001) zählt neben den Epen von Tolkien oder Rowling zu den weltweit erfolgreichsten des Genres - gerade weil Le Guin das Gattungsstereotyp einer weißen Bevölkerungs- und Heldenmajorität samt tumber Hell/Dunkel-Moral aufbrach. 1991, fast 20 Jahre nach Erscheinen des dritten Buches, wagte die Grande Dame der literarischen Gesellschaftskritik es, die Perspektive auf Geschlechterfragen in der Welt von Erdsee entscheidend zu ändern.
Wer mag es Regisseur Goro Miyazaki da verübeln, ausgerechnet das dritte und vierte Buch verfilmen zu wollen? Le Guin steht dem ersten Werk von Hayao Miyazakis Sohn heute skeptisch gegenüber. Der Debütant studierte Forstwissenschaft und war bis 2005 Geschäftsführer des Ghibli-Museums. Frei vom Ballast der Leseerfahrung bzw. Autorenschaft sollten sich seine \\"Chroniken von Erdsee\\" eigentlich unbeschwerter genießen lassen. Leider spielt die dümpelnde Coming-of-Age-Geschichte des 17-jährigen Prinzen und Vatermörders Arren vor lieblos-konventioneller (Landschafts-) Animation, die \\"Heidi\\" innovativ wirken lässt.
Goro Miyazakis Erdsee ist eine Welt, die von Figurenschablonen bevölkert wird, deren Handlungsmotive opak bleiben und deren Sprache dogmatisch bis predigend ist. Einzig die Ausnahmestimme der japanischen Sängerin Aoi Teshima ist eine Entdeckung. Zwingend wird der Kinobesuch dadurch nicht - Vorlesen aus \\"Erdsee\\" umso mehr.
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