
Import Export
A 2007
[R: Ulrich Seidl; D: Ekateryna Rak, Paul Hofmann, Michael Thomas, Maria Hofstätter; 18.10.]
22.10.2007, 18:01, Text:
Peter Scheiffele
Die Filme des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl sind bekannt für alltägliche Szenarien, die auf der Schwelle zwischen Fiktion und Dokumentation den Balanceakt wagen. Auch die harte Wirklichkeit der Arbeitsmigration zeigt Seidl in \\"Import Export\\" erneut mit einem Ensemble von Laiendarstellern. Ekateryna Rak spielt eine Ukrainerin, die ihre kleine Tochter zurücklässt, um im Westen das Glück zu suchen. Paul Hofmann mimt einen Österreicher, der mit seinem Stiefvater in den Osten reist, um dort Spiel- und Kaugummiautomaten aufzustellen. Beide haben dies- und jenseits der \\"Festung Europa\\" nicht viel zu lachen. Peter Scheiffele fragte Ulrich Seidl nach seinen Motiven.
In \\"Import Export\\" werden zwei Geschichten der Arbeitsmigration erzählt. Die Ukrainerin Olga emigriert nach Österreich, der Österreicher Pauli nach Osteuropa. Weshalb diese symmetrische Gegenläufigkeit? Wenden Sie sich dadurch auch gegen die Semantik der \\"einseitigen Schwemme\\", des \\"überfallartigen Ansturms\\" auf die \\"Festung Europa\\"? Ursprünglich waren sechs Geschichten geschrieben. Etwa eine Bettlergeschichte von Roma, die von der Ostslowakei nach Graz fahren, die Geschichte einer Schaffnerin im Grenzverkehr, die Geschichte eines Hotel-Scouts aus dem Westen. Die Storys haben sich durch Recherchereisen zu zweien verdichtet. Eine Import- und eine Export-Geschichte über Menschen und Alltag und darüber, wie ökonomische Gesetze unser Leben bestimmen.
Welche Bedeutung geben Sie der geschlechtlichen Besetzung? Die Durchgangsstadien der Migration von Ost nach West werden in Verkörperung einer Frau beschrieben, die von West nach Ost in Gestalt eines Mannes.
Dass Olga von der Ukraine nach Österreich emigriert, hat damit zu tun, dass Putzfrauen und Kindermädchen, die hier illegal arbeiten, meist Frauen sind. Dass viele Frauen aus Rumänien, Moldawien, Ukraine auch ihre Kinder verlassen, um im Westen zu arbeiten, basiert - wie Sie sicher wissen - auf Wirklichkeit. Ebenso wie die Export-Geschichte von Pauli. Auch hier gibt es ein reales Vorbild einer Wiener Arbeitslosenfamilie, die ich im Zuge der Recherchen zum Film \\"Zur Lage\\" kennengelernt habe. Meine Filme wurzeln in europäischer Realität und wachsen aus Recherchen heraus, die ich dann mit fiktiven Ideen mische.
In \\"Import Export\\" sind Sie nicht mehr ausschließlich als filmischer Ethnologe der eigenen Kultur unterwegs. War es schwierig, diesen Standpunkt der \\"Kennerschaft\\" zu verlassen?
Selbstverständlich kann ich über Österreich und seine Menschen am besten erzählen. Andererseits führt dieses Österreich immer wieder über die Grenzen hinaus, wie schon in \\"Mit Verlust ist zu rechnen\\". Für diesen Film habe ich 1992 Monate in Tschechien, einer Gegend an der Grenze zu Österreich, verbracht. Der Film spielt zur Hälfte dort, zur Hälfte im Waldviertel Österreich, wo ich übrigens auch aufgewachsen bin. In meinem nächsten Film, der sich mit Massentourismus beschäftigen wird, wird das wieder so sein.
Woran liegt es, dass Sie mit der slowakischen oder ukrainischen Gesellschaft nicht so hart ins Gericht gehen wie mit der österreichischen - ausgedrückt in der Sympathie für Olga?
Sympathie liegt im Auge des Betrachters. Es gibt auch Zuschauer, denen Pauli sympathisch ist. Für viele zählen die Szenen in den Zigeunersilos zu den beklemmendsten, und sie spielen in der Ostslowakei. Aber was stimmt, ist: Ich habe eine große Affinität und Liebe zur Welt im Osten, wo es noch Werte gibt, die im Westen längst verschwunden sind.
Die Kamera begleitet Olga und Paul an die unterschiedlichsten Orte. Es fällt auf, dass Sie den Akzent nicht auf die Schwierigkeit des Grenzübergangs legen, sondern darauf, innerhalb einer bestimmten Arbeits- oder Lebenssituation zu bestehen. Anscheinend haben Olga und Pauli kein Problem beim Zugang zu Orten, wohl aber beim Aufenthalt.
Ursprünglich war im Film eine Grenze geschrieben. Aber mit fortschreitenden Dreharbeiten gefiel mir das immer weniger. Am Ende wollte ich keine Grenzen zwischen den Ländern zeigen. Die äußeren Grenzen fallen ohnehin immer mehr; was bleibt, sind die inneren, die gesellschaftlichen, die noch schwieriger zu überwinden sind.
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