Sicko

USA 2007

[R: Michael Moore; 11.10.]

09.10.2007, 09:00, Text: Lars Brinkmann
[34 Kommentare]

In der lustigen, mopsfidelen Welt des erfolgreichsten Dokumentarfilmers weltweit macht sich zunehmend ein unangenehmer Geruch breit. Daran ändern auch die Bemühungen seiner härtesten Fans nichts, die mit ihren Gegen-Gegendarstellungen dem Bärchen einen Bärendienst erweisen: Als wollten sie mit einem billigen Raumspray überdecken, dass sich in allen Ecken Mist ansammelt, parieren sie Anschuldigungen mit pedantischen Relativierungen und reden dem guten Zweck das Wort.


Mit dem traurigen Ergebnis, dass Moores fragwürdig geheiligten Mittel nicht mehr nur unangenehm riechen, sondern so zum Himmel stinken, als hätte jemand in einen Fliederbusch geschissen. Das ist beim besten Willen nicht mehr zu ignorieren, und keiner macht sich zum reaktionären Volltrottel, wenn er das auch mal anmerkt - wie es u. a. auch Debbie Melnyk und Rick Caine mit ihrem Moore-kritischen Film \\\"Manufacturing Dissent\\\" beweisen. (Warum sie damit dennoch nicht nur zur Lösung, sondern auch zum Problem des zeitgenössischen Dokumentarfilms beigetragen haben, kann die geneigte Leserschaft einem Interview mit beiden im nächsten Intro entnehmen.) Das ist natürlich ein Klima, das es den reaktionären Kräften leicht macht, ihre ideologisch motivierte Kritik an Moore einer frischen Klientel unterzujubeln. Also Obacht!

Und wenn überall der \\\"Moore-Backlash in Full Effect\\\" erscheint, möchte man ja auch nichts so gern, wie das Bärchen noch mal zu umarmen. Darum das Schlimmste zuerst: Am Ende von \\\"Sicko\\\", seinem neuen Essayfilm über das amerikanische Gesundheitssystem, präsentiert Moore einen Scheck über 12.000 Dollar. Die hat der Multimillionär anonym einem seiner größten Kritiker gespendet, oder besser: dessen Frau, die eine Operation brauchte und nicht (ausreichend) krankenversichert war. Der ironische Twist: So habe er das \\\"Überleben der größten Anti-Michael-Moore-Website\\\" gewährleistet. Was für eine anständige Geste! Was für eine unanständige Film-Szene! Moore gehorcht damit natürlich nur dem kategorischen PR-Imperativ: \\\"Tu Gutes und sprich darüber.\\\" Dennoch verwandelt er mit dieser Szene etwas Erhabenes in eine extrem billige Pointe - Pappnasen wie Raab, die stolz proklamieren, jederzeit einen Freund für einen schlechten Scherz zu verkaufen, scheint im Vergleich dazu förmlich die Sonne aus dem Arsch. Das ist sehr schade, denn Moore vermag noch immer wie nur ganz wenige seiner Kollegen zu emotionalisieren und zu amüsieren: Wie er immer so etwas grenzdebil durch die Szene tapst, mit seinem Übergewicht ohnehin ein Gesundheitsrisiko auf zwei Beinen, und überall mit großen Augen ungläubig nachfragt, um die Ungeheuerlichkeit der Aussagen seiner Interviewpartner zu unterstreichen - einfach knuddelig; wie er das zweifellos desaströse US-Gesundheitssystem mit zahlreichen anderen vergleicht und als ein widerliches Geflecht von Lobbyisten und bezahlten Politikern präsentiert - kafkaesk; und wie er die Leiden der unschuldigen Opfer des Systems fühlbar macht, natürlich ausnahmslos anständige, wenn nicht heldenhafte Amerikaner - ergreifend. Selbst den Höhepunkt des Films, ein Trip nach Kuba, wo Medikamente und Behandlung fast umsonst sind, würde man ihm schon wegen des Gags über Guantanamo Bay verzeihen - wüsste man nicht ganz genau, dass es auch ums dortige Gesundheitssystem nicht so gut bestellt sein kann. Die kleine kubanische Klinik am Rande der Stadt wirbt aber inzwischen mit ihrem Auftritt in \\\"Sicko\\\" um sogenannte \\\"Med-Touristen\\\" - damit hat Moore zumindest etwas zur aktiven Völkerverständigung beigetragen. Der Rest ist Popcorn-Mondo. Man nennt es auch \\\"guilty Pleasures\\\".

Hier geht's zur Kritik von \\\"Manufacturing Dissent\\\"



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aus Intro #154 (Oktober 2007)

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  • User: niehnah
  • niehnah 09.10.2007 | 11:02:39

    die schlecht geschriebenste kritik die ich seit langem gelesen habe!

    nach zwei absätzen, weiss ich noch gar nichts über den film, ausser dass der autor ihn scheinbar irgendwie scheinheilig bis scheisse findet, immerhin wird mir hier schon mal ein moore-gegner vorgestellt und dessen filmisches machwerk... wollte ich das wissen?

    im dritten absatz erfährt man dann mehr über den film. bei den wörtern "Darum das Schlimmste zuerst:..." musste ich wirklich grinsen, denn bisher wusste ich noch gar nichts über den film, aber warum nicht im dritten absatz mit "dem schlimmsten" beginnen.

    ich weiss nicht, ob der autor besonders schlank ist, aber michael moore immer wieder als "bärchen" zu bezeichnen, finde ich journalistisch auch nicht so einwandfrei.

    aus seite zwei gibt es dann so wunderbare lange sätze, die teilweise sogar über 14 zeilen reichen und wo mit worten wie "kafkaesk" und "knuddelig" um sich geworfen wird - in einem satz...

    sorry, aber bei diesem wortgewixe und nerdigem geschafel, musste ich nur mal kurz eingreifen, um zu schreiben: diese filmkritik, hat mir über den film nicht viel verraten.

  • User: niehnah
  • niehnah 09.10.2007 | 11:06:49

    ich hätte nochmal durchlesen sollen:
    es heisst natürlich "auf seite zwei"

    und "geschwafel"...
    wie auch immer

  • Tomalak 09.10.2007 | 11:17:16
    runner vonn de Gass
    seinem Übergewicht ohnehin ein Gesundheitsrisiko auf zwei Beinen

    sehr schön, gewohnt hohe Qualität.

    ein sinnvolles Review zum Film ist hier:
    Link

  • schunkel 09.10.2007 | 11:25:02

    Eine Inhaltsangabe oder gar tiefgreifende Kritik von Moores polemischen Hampeleien in gleichwelchem "popkultur oder so"-Magazin zu erwarten, finde ich nicht ganz so süss wie den Zoo-Besuch mit Oma, Blondie und Bier-Hut. "Bärchen", "Hornochse", "Blindschleiche" - einwandfreier süsser Journalismus.

  • User: Stitch
  • Stitch 09.10.2007 | 12:11:57
    neoliberaler Verschwo:rer
    @tomalak: die von dir verlinkte kritik ist aber auch reichlich grenzwertig. wo sieht man denn bitte gerade jetzt das amerikanische kino vom konservativen lobbyismus unterwandert?

  • Tomalak 09.10.2007 | 12:17:35
    runner vonn de Gass
    ich denke mal stark, dass er eben so Leute wie Bay, Gibson, Snyder und Konsorten meint. Das mag man diskussionswürdig finden, ist ja aber nur ein Nebenaspekt zu Moore.

  • User: Stitch
  • Stitch 09.10.2007 | 12:22:55
    neoliberaler Verschwo:rer
    das ist einerseits richtig, andererseits aber ist genau diese these in dem text, wie ich ihn verstanden habe, ein hauptargument fuer die relevanz von moores film(en). und das finde ich in dieser form und plattheit einfach erstmal fragwuerdig.

  • Tomalak 09.10.2007 | 12:27:48
    runner vonn de Gass
    Das sollte doch nur ein Kontrapunkt sein. Ein Argument für Moore ist das sicherlich nicht.

    Er bezieht halt Stellung mit seiner Art Filme zu machen. Die ist eben auch platt und nie objektiv, das will er doch auch gar nicht sein und das kann man ihm halt auch nicht zum Vorwurf machen.
    Da gibts genug andere Angriffsflächen.

  • User: Legoland
  • Legoland 09.10.2007 | 13:02:23
    Legolize it!
    moores filme sind streng genommen propaganda. ihn mit journalistischen maßstäben bewerten zu wollen ist völliger humbug, da er seine subjektive arbeitsweise transparent macht. er stellt sich in den mittelpunkt seiner filme, als jemand, der sich gedanken über ein thema macht und schlussendlich zu einem urteil kommt. mehr transparenz kann man eigentlich nicht erwarten und eigentlich würde man sich solcherart bekenntnis auch in nachrichtensendungen, oder anderen dokumentationen wünschen. denn in filmen, in dem ein off- kommentar die gesehenen szenen erklärt, gibt es keine objektive berichterstattung.

  • hansmoleman 09.10.2007 | 13:15:30
    ...behaupte ich mal so.
    die polemik bei sicko ist mal wieder sehr gelungen. schade nur, dass die europäischen gesundheits-syteme so völlig unkritisch über den grünen klee gelobt werden (darunter auch das britische... das ist mal wirklich lachhaft, obgleich das us-amerikanische ungleich schlimmer ist). das macht leider auch den rest unglsubwürdig, und das zu unrecht. was die kino-werbung nicht so richtig vermittelt ist, dass es in dem film weniger um die unversicherten in den usa geht, als um versicherte, die mit kriminellen mitteln um ihr recht gebracht werden. was wir hier haben ist noch eine homöopathische version dessen, aber wie so oft sieht man am amerikanischen beispiel, wohin die reise geht. wenn man hier auf die absurdität hinweist, dass eines der reichsten länder der welt (ich meine jetzt unseres) kein geld für bildung, kinderbetreuung und gesundheitswesen (oder kurz: den menschen) hat, wird man ja schnell in eine komische ecke gestellt. vorallem die ex-linke presse gefällt sich ja darin, diese politik der wachsenden ungleichheit als einzig realistische zu verteidigen.

    ähnlich wie bei fahrenheit 911 darf man aber auch nicht vergessen, dass sicko in erster linie sich an amerikanisches publikum richtet, wenn er das gesundheitssystem in einer weise thematisiert, wie es dort kaum ein anderes massenmedium tut. fahrenheit hatte seinerzeit ein umdenken bei vielen bewirkt, sicko hat ähnliches potenzial. schon jetzt ist das gesundheitswesen in den usa heisses wahlkampfthema.

  • gratisbeilage 09.10.2007 | 13:24:36
    broker than thou
    @ hans: kann ich den text verwenden, wenn ich eine studivz-gruppe zu sicko gründe. wo der film kontrovers diskutiert werden soll. latürnich.

  • gratisbeilage 09.10.2007 | 13:31:49
    broker than thou
    fies. und unkooperativ obendrein.

  • gratisbeilage 09.10.2007 | 13:45:40
    broker than thou
    das ist auch das mindeste, was ich von dir erwarten kann, hans.

  • hansmoleman 09.10.2007 | 13:50:05
    ...behaupte ich mal so.
    falsch: das ist bereits das höchste! dass ich mir die mühe mache, dich nicht zu mögen, ist bereits mehr aufmerksamkeit als du verdienst.

  • Tomalak 09.10.2007 | 13:56:34
    runner vonn de Gass
    ist doch ne ganz passende kritik, wo ist das problem?

    klar, hauptsache rumgeprolt und eigentlich nix geagt. solche reviews gibt's ja viel zu wenig

  • User: morus
  • morus 09.10.2007 | 13:57:09

    Was ist "Popcorn-Mondo" (letzte Zeile der Kritik)?

  • User: plague
  • plague 09.10.2007 | 14:00:53

    zur entschuldigung des autoren sollte vielleicht gesagt werden, dass man zu schlechten filmen, die vor polemik nur so strotzen und im eigentlichen der selbstinszenierung dienen, keine faire kritik schreiben kann, wenn man ein mensch mit verstand ist..., deswegen brauch man auch nicht intensivauf den inhalt des filmes eingehen...

  • User: Legoland
  • Legoland 09.10.2007 | 14:02:44
    Legolize it!
    mondo

    klar, hauptsache rumgeprolt und eigentlich nix geagt. solche reviews gibt's ja viel zu wenig


    ich finde nicht, daß da nichts gesagt wurde. ich glaube aber, daß die kritik eher negativ ausfällt. und das gefällt dir nicht, was?

  • Tomalak 09.10.2007 | 14:06:08
    runner vonn de Gass
    stimmt ich gebe sehr viel auf dei Meinung dieses Kritikers.
    Das lässt mich nachts nicht schlafen, wenn der Moore vereißt.
    Welche "Kritik" nochmal? Die, dass Moore zu fett oder zu tolpatschig ist?

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