
Fatih Akin
Im Angesicht des Todes
01.10.2007, 13:57, Text:
Dietmar Kammerer, Foto: Arne Sattler
Fotostrecke:Auf der anderen Seite
Manche Zuschauer wird 'Auf der anderen Seite' überraschen. Es geht bedeutend ruhiger zu als noch in \\"Gegen die Wand\\". Der Film erzählt sehr bedächtig von ziemlich dramatischen Ereignissen. Woher kommt dieser neue Ton?
Das hat was mit Älterwerden zu tun. Ich war 29 während der Dreharbeiten zu 'Gegen die Wand' und noch jünger, als ich den Film geschrieben habe. \\"Auf der anderen Seite\\" habe ich mit 33 Jahren gedreht. Ich glaube, da liegen generell entscheidende Jahre der Wende dazwischen, für jeden.
Ganz abgesehen davon, dass du in der Zeit auch noch Vater geworden bist.
Ja, und ich bin Vater geworden! Mit 'Gegen die Wand' kam zudem der internationale Durchbruch. Da beginnt man als Filmemacher zu reflektieren, sein eigenes Werk noch einmal in Frage zu stellen, und man versucht, mal was anderes zu machen. So hat sich das, glaube ich, ergeben, als eine Mischung aus alldem.
Einiges ist unterdessen erkennbar gleich geblieben. Auch \\"Auf der anderen Seite\\" handelt von Protagonisten, die ständig unterwegs sind: im Bus, in der Tram, auf der Fähre oder im Auto.
Bewegung war zentral für unser Konzept. Der Film handelt vom Unterwegs-Sein. Ich glaube, alle meine Filme haben etwas mit solchen Bewegungen zu tun - vielleicht, weil ich selbst jemand bin, der sich viel bewegt, zwischen Deutschland und der Türkei und überhaupt auf der Welt.
Der Film endet dann mit einem langen Blick auf den Horizont.
In 'Gegen die Wand' war der Raum noch eng. Der neue Film spielt sozusagen \\"hinter der Wand\\", in der Weite, in die der Mensch gestellt ist. Auch die Identität der Figuren ist eine in Bewegung. Also etwas völlig anderes als eine Identität, die ihre \\"Wurzeln finden\\" muss.
'Auf der anderen Seite' ist der zweite Teil deiner \\"Liebe, Tod und Teufel\\"-Trilogie. Zwei der Hauptfiguren müssen sterben. Dennoch ist der Film alles andere als deprimierend.
Der Tod im Film muss ja nicht immer so behandelt werden wie bei Ingmar Bergman. Das \\"Siebente Siegel\\" ist das ultimative Werk über den Tod - völlig depressiv, schwarz und hoffnungslos. Ich wollte etwas anderes. Nicht etwa dem Zuschauer, und auch mir selbst, die Angst vor dem Tod nehmen oder so etwas. Sondern das Tabu vom Tod angreifen, seine schwarze Seite. Deshalb ist der Film voller Licht. Wir haben ihn im Sommer gedreht, mit der Sonne im Rücken. Das war eine der ersten Entscheidungen: einen Film über den Tod zu drehen und ihn sehr hell zu machen, lebensfroh. Im Sinne von: Im Angesicht des Todes ist das Leben am stärksten.
Der Film kündigt den Tod der beiden Frauen zwar an, wir werden dann aber doch von ihm überrascht. Er kommt jeweils sehr plötzlich und gewissermaßen \\"trocken\\". Ohne Kunstblut, ohne Nahaufnahme verletzter Körper.
Wir wollten die spektakulärste Thematik so unspektakulär wie möglich erzählen, um glaubhaft zu bleiben. Es passiert ja irre viel im Film, alle fünf Minuten etwas Neues. Und dann sterben auch noch zwei Hauptfiguren. Wie erzählt man all das, ohne den Zuschauer zu überfordern?
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