Ostpunk - Too Much Future

D 2007

[R: Carsten Fiebeler, Michael Boehlke; D: Daniel Kaiser, Colonel, Mita Schamal; 23.08.]

16.08.2007, 18:10, Text: linus volkmann

Es ist nicht gerade schwer, die Meinung zu vertreten, Punk sei immer und überall gleich. Und zwar: verkürzter Rock, der von seiner Attitüde lebt und sich durch einen gewissen Verweigerungsstyle erkennbar macht. Punkt. Gähn. So ist es. Die ästhetische Starrheit, die bierige und hundige Vereinsmeierei tun ein Übriges. Man muss denken, Punk habe als hedonistischer Nihilismus komplett abgewirtschaftet. Das mag schon so sein, aber es gibt immer noch was zu entdecken. Hey, zum Beispiel Ostpunk. Musikalisch sind die Differenzen zum West-Pendant nicht der Rede wert - viel Geboller, bisschen Avantgarde. Aber durch die Agonie der DDR in den 80ern erfüllte Punk eine ganz andere gesellschaftliche Rolle, war hochgradig dissident und bescherte einer ganzen Generation von Protagonisten ernste Schwierigkeiten. Und solche vereinen auch ausnahmslos die Veteranen des Films \"Ostpunk\". Knastaufenthalte für alle. Von so viel Brisanz konnte der harmlose Dorfpunk West nur (schlecht) träumen.


Die Regisseure Fiebeler und Boehlke besuchen sechs Charaktere der Zeit mit der Kamera. Sammeln dabei krasse Anekdoten, zeigen alte Wunden, genutzte und verpasste Chancen. Der selbstständige Bauunternehmer, der Reihenhausharmonie genau wie eine Feierabend-Hardcore-Punkband lebt, die alleinerziehende Mutter, die noch an der Vehemenz der damaligen Zeit knabbert, oder Cornelia Schleime, die mittlerweile als etablierte Künstlerin in Paris, Amsterdam und New York ausstellt. Den Geschichten zu folgen ist erwartungsgemäß kurzweilig, und wie gesagt: neben Nostalgie werden schon auch Erkenntnisgewinne ausgeschüttet. Gerade auch im globalen Zusammenhang mit dem vor kurzem erschienenen Film über Punks in China, \"Bejing Bubbles\", der Punk ebenfalls im Kontext von ungleich konsequenterer Lebensführung darstellt.

Befremdlich nur, dass die Filmemacher dem Genre Doku nicht wirklich trauen und immer wieder mit technischen Stilmitteln nerven. Formalistischer Quatsch, der wohl als Auflockerung des seriösen Formats zu verstehen ist. Tja, Punk kann man eben leicht missverstehen. In diesem Fall als Aufforderung, eine unkonventionellere, brüchige Bildersprache zu schaffen. Das soll hier aber nur am Rande erwähnt werden, der Power des Films tut es letztlich keinen Abbruch (erwähnenswert auch das dazugehörige Buch, erschienen im Verbrecher Verlag).




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