
Tribute
John Waters
16.08.2007, 17:49, Text:
Tim Stüttgen
Seien wir doch mal ehrlich und nennen ihn - einen großen Meister. Schmeißen wir selbstbewusst mit einem Superlativ um uns, der gewöhnlich für ein gelungenes Verhältnis von Form und Inhalt, Handwerk und Anspruch steht. Dass man bei dem mittlerweile 60-jährigen John Waters an solchem Lob oft gespart hat, liegt an seinem spezifischen künstlerischen Schaffen. John Waters macht Camp - für manche Kritiker unzumutbar.
Camp ist queere Handwerkskritik und Zerstörung des guten Geschmacks. Es bedeutet Zerstückelung der ästhetischen Totalität und Zerrüttung von Kategorien wie \\"Geschlossenheit\\" und \\"Objektivität\\". Camp bezeichnet die schwul genossene Fetischisierung von Nebensachen. Wer will schon falsche Hauptsachen? Das provoziert Zuschreibungen wie \\"Trash\\" oder \\"Lo-Fi\\". Es führt zu genervten Zensurbehörden, angeekelten Zuschauern - und ein paar Tausend Kultfans.
Kult war John Waters schon immer. Kult war die grandios fettleibige Dragqueen Divine als Hauptdarstellerin seiner Frühwerke \\"Pink Flamingos\\", \\"Female Trouble\\" und \\"Polyester\\". Kult war auch die albern-konsequente Verballhornung des amerikanischen Spießeralltags. Kult ist Waters noch heute, nicht nur wegen seines letzten Films \\"A Dirty Shame\\", in dem David Hasselhoff eine Gastrolle für einen Klobesuch hat und ein ganzes Dorf an einer Sexsucht zugrunde geht. Schön, dass in der nun veröffentlichten DVD-Kollektion \\"Very Crudely Yours, John Waters\\" (Warner) auch dieses Spätwerk nicht fehlt, wo es schon im vertriebsbehinderten Deutschland keinen Kinostart hatte. Es steht hier in einer Reihe mit \\"Polyester\\" und dem 80er-Klassiker \\"Hairspray\\".
Dass Camp kein Kitsch und Drag kein Karneval ist, hat Adam Shankmann, der für das bald in die Lichtspielhäuser kommende Feelgood-Musical-Remake von \\"Hairspray\\" (Start: 06.09.) verantwortlich ist, offensichtlich nicht kapiert.
Mit einer Handvoll prominenter DarstellerInnen wie John Travolta, Queen Latifah, Christopher Walken und Michelle Pfeiffer reduziert er Waters' Meisterwerk auf eine heftig entqueerte Hab-dich-lieb-Integrationshymne mit Regenbogenfarben und schmierigen Musikeinwürfen. Immer noch okay scheinen kleine dicke Mädchen als Heldinnen zu sein. Vielleicht läuft dieser Film ja irgendwann mal im Nachmittagsprogramm an Heiligabend und ich schaue ihn mir an. Doch für das ästhetisch-inhaltliche Projekt von Waters ist er - eine Zumutung.
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