Der letzte König von Schottland

GB/D 2006

[R: Kevin MacDonald; D: Forest Whitaker, James McAvoy; Fox Home Entertainment]

16.08.2007, 17:38, Text: Hias Wrba

Wie filmt man Afrika? Wie soll man sich ein adäquates Bild machen von einem derart differenzierten und doch in der Außenwahrnehmung immer wieder zwangshomogenisierten Kontinent? Einen möglichen Weg beschreitet der Dokumentarfilmer Kevin MacDonald mit seinem Spielfilmdebüt \"Der letzte König von Schottland\". Der narrative Kniff zum Einstieg ist fast so alt ist wie das Filmemachen selbst: MacDonald schickt einen Protagonisten, der dem Zuschauer vertraut scheint - den übermütigen, abenteuerlustigen schottischen Arzt Nicholas Garrigan -, in eine für ihn fremde Umgebung. Das Publikum nähert sich dem neuen Terrain im Tempo der Filmfigur an. Nur dass der Zuschauer hier dem Jungmediziner einen entscheidenden Schritt voraus ist: Er weiß schon, als welches Scheusal sich der gerne mal als \"Kannibale\" titulierte ugandische Diktator Idi Amin (Forest Whitaker) entpuppen wird, bevor Garrigans und Amins Wege sich kreuzen.


MacDonald spielt geschickt mit Parallelen. So schließt er den afrikanischen Kampf gegen die Kolonialmächte und das schottische Ringen um Unabhängigkeit kurz - jeweiliger Feind ist das Commonwealth. Außerdem lässt er einen kindlich-naiven Lebensretter auf einen psychotisch-kindlichen Gewaltmenschen prallen. Zwischen den beiden entfaltet sich eine seltsame Ebene voller schulbubenhafter Zoten und feixender Scherze - Arzt und Diktator kommen sich auch menschlich näher.

MacDonalds Thriller zeichnet zwei verschiedene Abstiege in ungeahnte Untiefen nach, ohne je eindimensional oder platt zu wirken. Idi Amin werden viele widersprüchliche Facetten zugestanden - am Ende wird sein Wahn doch entlarvt. Forest Whitaker verkörpert eindrucksvoll die Neigung hin zur Paranoia. Garrigan, hervorragend dargestellt von \"Shameless\"-Star James McAvoy, bewegt sich weg von der kognitiven Dissonanz, hin zur Erkenntnis. Als Höhepunkt dient dem Film Amins legendärer Auftritt auf der Bühne der Weltpolitik: die Flugzeugentführung von Entebbe. Ein Ereignis am Scheideweg. Amin profiliert sich ein letztes Mal, für Garrigan ergibt sich ein Fluchtpunkt im wahrsten Sinne des Wortes. Afrika bleibt zurück. Wie man es in einem Spielfilm mit nicht unproblematischem Thema filmen könnte, zeigt Kevin MacDonald teils eindrucksvoll. Und er offenbart, dass dabei nicht das einheitliche Bild entstehen muss, das viele Europäer erwarten.




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aus Intro #153 (September 2007)
 
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