The Dixie Chicks: Shut Up & Sing

USA 2006

[R: Barbara Kopple & Cecilia Peck; D: Martie Maguire, Natalie Maines, Emily Robison; 09.08.]

30.07.2007, 10:00, Text: Lars Brinkmann
[6 Kommentare]

The Dixie Chicks waren eine Band für aufrechte Patrioten, bis sie sich öffentlich mit dem Präsidenten und ganz Texas anlegten. Barbara Kopples Doku spannt den Bogen zwischen zwei Londoner Auftritten der Band. Lars Brinkmann sieht manches Vorurteil bestätigt: Der Freitod auf der Bühne als Ultima Ratio. Dagegen wirken all die schwachen Stars, die sich in ihrem Kämmerlein beim Wichsen selbst erdrosselt oder - der Klassiker - mit einer Nadel im Arm in den ewigen Schlaf geflüchtet haben, noch etwas ärmer als ohnehin. Andererseits erscheint auch die Umkehrung, so etwas wie das beherzte Durchgreifen von Sid Vicious im Video zu \\"My Way\\", vergleichsweise profan. Was ist schon ein Mord vor laufender Kamera? So etwas zeigen die Nachrichten jeden Tag, Bühne hin oder her.


Wie edelmütig und signalstark hingegen die Selbstentleibung? Versprochen hat uns diesen letzten Abgang mit einem gewaltigen Bang bisher nur GG Allin, die Galionsfigur des Scum-Punk. Doch selbst er verendete nicht stolz im Spotlight auf der Bühne, sondern jämmerlich im Zwielicht irgendeines schmuddeligen Hinterzimmers. Bleiben die Dixie Chicks mit ihrem Selbstmord auf Raten - es ist nur ein kommerzieller Selbstmord, aber dafür ein extrem dramatischer, der auf einer Bühne seinen verstolperten Anfang nimmt.

2003, neun Tage vor der Irak-Invasion, wendet sich Leadsängerin Natalie Maines auf der Bühne des Londoner Shepherds Bush Empire an ihr Publikum und stellt klar: \\"Just so you know, we're on the good side with y'all. We do not want this war, this violence, and we're ashamed that the President of the United States is from Texas.\\" Und das sind Worte, wegen derer Menschen töten möchten. Nicht in London, wo der Protest gegen den herannahenden Krieg tagsüber Abertausende auf die Straße getrieben hat. Dafür brodelt es wenig später in der Heimat aber umso heftiger - wie man in Texas sagt: The shit hits the fan.

Innerhalb weniger Stunden beginnt eine Hexenjagd, die im Verlauf der nächsten drei Jahre zunächst brachial und dann immer subtiler weitergeführt wird. Das Radio boykottiert die Dixie Chicks; eine bundesweite CD-Verschrottung mittels Bulldozer wird organisiert. Eigens dafür abgestellte Mülltonnen laden dazu ein, die 30 Millionen verkauften CDs der erfolgreichsten Frauenformation der Musikgeschichte möglichst komplett zu entsorgen. Die Reaktionen der in ihrem Hurra-Patriotismus verletzten ehemaligen Fans des Trios werden immer heftiger und reichen bis zur Morddrohung. Derweilen bemühen sich die politischen Kommentatoren der großen überregionalen Nachrichtensendungen nach Kräften, die Stimmung noch möglichst lang am Köcheln zu halten - wag the Dog ... Zum Höhepunkt der Hysterie kann nur noch verwundern, dass bisher weder Napalm noch Agent Orange eingesetzt wurde. Zumindest muss sich das von vielen Fans inzwischen in Dixie Sluts umgetaufte Trio überlegen, ob es nicht besser wäre, zum ersten Texas-Konzert nach dem Zwischenfall im Panzer anzureisen. Natalie Maines träumt von der Nationalgarde als Security ...

\\"The Dixie Chicks: Shut Up & Sing\\" zeigt den Fall und die Neuerfindung dieser ehedem so uramerikanischen Band, bestätigt aber leider dabei jedes Vorurteil, das gegenüber Country gepflegt werden kann. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese Doku der mehrfach ausgezeichneten Filmemacherin Barbara Kopple auch als Mondo-Film funktioniert, voll von üblen Rednecks, hysterischen Vaterlandsschützern und zynischen Medien-Puppen, ohne den Genre-spezifischen Schmutz - aber dafür mit einer gehörigen Portion Familienkitsch. Am Ende des Films kehren die Dixie Chicks erhobenen Hauptes wieder zurück an den, wie Maines es formuliert, \\"Ort des Verbrechens\\" - da steht sie erneut auf der Bühne des Shepherds Bush Empire und bekennt: \\"We're still ashamed that the President of the United States is from Texas.\\" Wie man in Texas sagt: The more things change, the more they stay the same.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 
  • User: Der Jeff_Dieter
  • Der Jeff_Dieter 30.07.2007 | 14:05:44
    proper tea is theft
    The Dixie Chicks waren eine Band für aufrechte Patrioten, bis sie sich öffentlich mit dem Präsidenten und ganz Texas anlegten.

    Die Dixie Chicks sind natürlich immer noch eine Band für aufrechte Patrioten und auch selber welche. Das sind halt nur die anderen Patrioten.

  • Chimpie 30.07.2007 | 15:03:27
    "DA!"
    Und definitiv hübschere Patrioten.

  • Chimpie 30.07.2007 | 15:03:40
    "DA!"
    Sicherlich auch gelasert..

  • Chimpie 30.07.2007 | 15:17:33
    "DA!"
    Quatsch - da gibt es einen Unterschied zwischen äußerlich häßlich und innerlich häßlich. Da bin ich ganz sicher.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 

DVD-EMPFEHLUNGEN

Das neue Fernsehen - Neu auf DVD & Blu-ray

Das neue Fernsehen

Neu auf DVD & Blu-ray
... mehr



 
Anzeige
 
DIE FILMSTARTS DER WOCHE
Drive - Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche

Drive

Und weitere Filmstarts und Trailer der Woche
... mehr

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]