
Angel
F 2007
[R: François Ozon; D: Romola Garai, Michael Fassbender, Lucy Russell; 09.08.]
16.07.2007, 06:00, Text:
Tim Stüttgen
François Ozon gehört zu den Regisseuren, die, wie etwa Fassbinder, nicht mit einem Geniestreich, sondern mit ihrem jährlich um einen Film erweiterten Gesamtwerk erst verstanden und gewürdigt werden können. In seinem zwölften abendfüllenden Film hat Ozon nun eines seiner Lieblingssujets verfilmt, die Romanvorlage für einen historischen Kostümschinken, den er lange nicht finanzieren konnte. Jetzt, wo die Kohle da ist, wird in Sachen Ausstattung aus dem Vollem geschöpft: \\"Angel\\" ist ein Melodram mit Schmonz und klassischer englischer Sprache, was die französische Larmoyanz, die man in Ozons Filmen entweder als wunderbar cineastisch oder leicht prätentiös empfand, überraschend eindeutig ausblendet. Die Hauptfigur aus dem Roman der britischen Schriftstellerin Elizabeth Taylor nimmt er trotz aller grotesken Züge ernst.
Anfang des 20. Jahrhunderts in einem kleinen englischen Dorf aufgewachsen, beginnt Angel Deverell (Romola Garai) schon in ihrer Jugend, die Schule zu schwänzen, um im Bett Romane zu schreiben. Sie ist selbstbewusst und liefert den angesagten populären Gefühlskitsch der Zeit, weshalb sie schon vor ihrem 18. Geburtstag einen Londoner Verleger und eine große Öffentlichkeit findet. Angel inszeniert sich selbst als Prinzessin ihrer Romane - und das jenseits des gesellschaftlichen Konsens in Sachen Geschmack oder Frauenrolle. Bis der Erste Weltkrieg beginnt, verfügt Angel über so ziemlich alles, was ihr Herz begehrt - außer Talent. Dann zieht ihr Mann in den Krieg, und andere Zeiten brechen an.
Man ist von vielen schwulen Regisseuren, ob Fassbinder, Todd Haynes oder Almodovar, die Lust am Melodram gewohnt, allerdings wird die emotionale Überfülle des Genres in der Regel ironisiert oder intensiviert, modernisiert oder gebrochen. Das kennt man eigentlich auch von Ozon, der schon manches Gefühls-Epos zu sadistischen Versuchsanordnungen umfunktionierte. Bei \\"Angel\\" ist es anders. Der Soundtrack orientiert sich an den großen Filmen von Douglas Sirk. Die emotionale Achterbahnfahrt seiner Protagonistin verfolgt der Regisseur einfühlsam und konsequent, ohne schicke Formalismen oder smarte Spielereien. Man weiß nicht genau, was Ozon an dieser egozentrischen Träumerin so fasziniert. Sie nervt und rührt, weckt Mitleid und Schadenfreude, lässt einen auf den ersten Blick kalt - vergessen aber kann man sie nicht so schnell.
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