
Tokyo Decadence a.k.a. Topaz
J 1991
[R: Ryu Murakami; D: Miho Nikaido, Sayoko Amano; Asian Film Network]
16.07.2007, 06:00, Text:
Tim Stüttgen
Um in Europa Anerkennung zu finden, sollte sich der japanische Kulturimporteur zwischen einer von zwei Strategien entscheiden. Entweder tritt er verwestlicht, bürgerlich und maskulin auf, wie der Romanautor Haruki Murakami, oder als exotischer Freak zwischen albernen Witzen und einem Haufen Gedärm, wie der Regisseur Takashi Miike. Auf ambivalentere Typen, die genauso modern wie kaputt, östlich wie westlich, zivilisiert wie entfremdet produzieren, scheint der hiesige Kulturbetrieb samt seinem Publikum prinzipiell zu pfeifen.
Anders ist es kaum zu erklären, dass ein verwegenes Genie wie Ryu Murakami hierzulande immer noch keine Berühmtheit geworden ist. Ob als Schriftsteller zwischen 68er-Nostalgie (\\\"69\\\"), Cyperpunk-Paranoia (\\\"Coin Locker Babies\\\") und postmoderner Beatnik-Devianz (\\\"Almost Transparent Blue\\\"), als Drehbuchautor für Takashi Miikes \\\"Audition\\\", als Regisseur, Essayist oder Musiker - der 55-Jährige ist das Enfant terrible der asiatischen Kulturlandschaft. Dieser Murakami hat sich nie in Genre-Schubladen wie Horror, Thriller, Erotik-Comedy oder Action abschieben lassen, die sonst den Outsidern Japans offenstehen. \\\"Tokyo Decadence\\\" lässt sich kaum als unernst perverser Sexblödsinn bezeichnen. Vielleicht hat er sich deswegen auch seinen Weg durch die Kunstkinos bahnen können, wenn er nicht gerade zensiert wurde.
Die Geschichte der jungen Edel-SM-Sexarbeiterin Ai sucht weder Ausflucht in die Großstadt-Melancholie eines Wong Kar-Wai noch in spektakuläre Erotik, wie sie das Sujet nahelegt. In der Hochphase des japanischen Wirtschaftswunders - im Zentrum der New Economy der 90er-Jahre - kann das entfremdete Individuum neben neonbeleuchteten Hochhäusern und zunehmend abstrahierten Verschwendungen an Lüsten und Körpern nichts mehr finden außer deprimierender Leere und einer Serie diverser Einsamkeits- und Abhängigkeits-Modi. Fünfzehn Jahre nach seiner Premiere hat der nun im \\\"Director's Cut\\\" vorliegende Film nichts an Aktualität eingebüßt.
Die Rhetorik neoliberaler Glücksversprechen, laut denen wir zunehmenden Demütigungen so lange mit stoischer Geduld zu begegnen haben, bis uns endlich das private Glück entgegenlächelt, wird hier durch eine Wahrsagerin verkörpert, die der stoisch durchhaltenden Prostituierten Ai die große Liebe predigt. Schade eigentlich, dass Ryu Murakami kein Romantiker ist ...
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