Žižek!

USA/CDN 2005

[R: Astra Taylor; 07.06.]

18.06.2007, 06:00, Text: Sonja Eismann

Dieser Film ist so interessant, dass er keine Minute länger sein dürfte, als er ist. Klingt paradox? Willkommen im Denk-Imperium des Slavoj Žižek. Denn die Doku über den slowenischen Theorie-Popstar Slavoj Žižek weist nur eine Kino-untypische Spieldauer von 71 Minuten auf, ist aber so randvoll mit komplexen philosophischen Erörterungen, dass unmöglich alle Informationen in Echtzeit verarbeitet werden können. Schon in der ersten Einstellung gewittert der bärtige Lacanianer mit der für ihn typischen übersprudelnden Vehemenz und der sprühenden Aussprache auf die ZuseherInnen ein. In einer Einstellung blickt die Kamera über die Schulter von Žižek auf einen Fernsehbildschirm, auf dem eine englisch untertitelte Videoaufzeichnung eines französischen Vortrags von Lacan läuft, die Žižek live agitiert, kommentiert - greifbarer kann man den Input-Overload kaum präsentieren.


Žižek inszeniert sich auch im Dokumentarfilm der 1979 geborenen Amerikanerin Astra Taylor wie in seinen beängstigend zahlreichen Artikeln und Buchpublikationen als der Geist, der stets verneint und verdreht, um eine neue, radikale Perspektive auf gesellschaftliche Phänomene wie Kapitalismus, Konsum, Terrorismus, Religiosität oder sogar Liebe zu entwerfen. Der intellektuelle Populismus und Eurozentrismus, der ihm immer wieder aus feministischer und multikulturalistischer Ecke vorgeworfen wird, ist auch hier als Anziehungs- und Abstoßungsfaktor deutlich vernehmbar. Obwohl der Film von Taylor klar als inhaltliches Porträt und nicht als menschelnde Homestory angelegt ist, bleibt es doch der Blick auf das überdreht-verdrehte System Žižek, der am meisten Spaß macht. Denn auch wenn der Laibacher behauptet, das autogrammjagende Interesse an seiner Person widere ihn an, ist nicht zu übersehen, dass die Personality-Show vor der Kamera ihm tierische Freude bereitet. Mit Verve präsentiert er das Stalin-Porträt in seiner Wohnung, um dann einige Einstellungen später überraschend halbnackt aus dem Ehebett zu referieren. Eine der schönsten Szenen bleibt aber wohl die Archivaufnahme, in der er gestikulierend und spuckend versucht, einem aalglatten amerikanischen Talkshow-Host die Thesen seines Buches \\"The Puppet And The Dwarf: The Perverse Core Of Christianity\\" zu erklären. Theorie-Wahnsinn trifft Null-Journalismus. Beängstigend und amüsant - konsequent Žižek.



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aus Intro #151 (Juli 2007)
 
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