Julien Temple

Gegenkultur? Vergangenheit!

21.05.2007, 16:35, Text: Mick Schulz

Über 25 Jahre sind vergangen, seit Julien Temple mit den Sex-Pistols-Rotzlöffeln “The Great Rock’n’Roll Swindle” inszenierte. “The Future Is Unwritten” setzt nun dem aufrichtigen Punk-Gegenmodell Joe Strummer ein filmisches Monument. Zudem schlägt seine bald auf DVD erhältliche Glastonbury-Doku “The Mud. The Music. The Madness” den Bogen zum Festivalwesen und Hippietum. Martin Büsser sprach mit Julien Temple über Popkultur und Politik. Haben U2 tatsächlich da weitergemacht, wo The Clash einst aufhörten?


Du hast viel mit den Sex Pistols zusammen gearbeitet, doch deren Sicht auf The Clash wird im Strummer-Film “The Future Is Unwritten” fast völlig ausgeblendet. Ging es dir mehr um ein Künstlerporträt als um das Porträt einer Bewegung?
Im Film wird erwähnt, dass Joe überhaupt erst zu Punk kam, nachdem er die Sex Pistols live gesehen hatte. Ansonsten ist mein Ansatz ein ganz anderer als im Pistols-Film “The Filth And The Fury”, weil es um zwei völlig verschiedene Bands geht. Die Pistols waren ein Angriff auf die Medien und auf die Musikindustrie. Einen Großteil ihrer Wirkung zogen sie aus der subversiven Strategie, die ihr Manager ausgeklügelt hatte. Es ging darum, die Kulturindustrie zu unterwandern. The Clash waren ganz anders: Joe Strummers Wurzeln gehen bis zu den Beatniks und zu Woody Guthrie zurück. Strummer steht in der Tradition linker Gegenkultur und war eher der aufrichtige Typ, der nicht mit den Medien spielte, sondern sie für sein Anliegen nutzte. Widersprüche gibt es allerdings auch in seiner Biografie. Schließlich sind The Clash auch bei einem Majorlabel gewesen.
Strummer interessierte sich für Blues und Folk, war mit Allen Ginsberg befreundet und wurde in den 1990ern zu einem großen Rave-Fan. Entkräftet er den Mythos, dass Punk eine Anti-Hippie-Bewegung war?
Nachträglich gesehen schon, aber in den 1970ern mussten wir gegen die Hippies sein, weil von ihnen nur noch Hänger übrig geblieben waren. Die Gegenkultur rund um 1966 mag Punk sehr ähnlich gewesen sein, aber Mitte der 70er war davon nichts mehr zu spüren. Die Hippies waren zu etablierten Langweilern geworden. Ironisch an dieser Geschichte ist nur, dass es Punk nicht anders ergangen ist: Die Punks, die heute mit ihrem Irokesenschnitt am Times Square rumhängen, sind genauso kraftlos und zu Klischees erstarrt wie die Hippies, gegen die wir uns aufgelehnt hatten. Es ist nur noch ein Stamm, der seine festen Rituale ausübt.

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