
Der weite Ritt & The Proposition
USA 1971 & AUS/GB 2005
21.05.2007, 13:45, Text:
Martin Riemann
In seiner Gegenüberstellung von anarchischen Strukturen und zivilisatorischen Maßnahmen hat sich das Western-Genre stets mit den Grenzen individueller Freiheit beschäftigt. Bei Harry, dem Helden von Peter Fondas “Der weite Ritt”, hat die totale Unabhängigkeit innere Leere und eine Sehnsucht nach familiärer Bindung hinterlassen. Gemeinsam mit seinem Weggefährten Arch kehrt er zu seiner Frau Hannah zurück, die er vor Jahren verließ. Wegen des Altersunterschieds wirkt sie eher wie eine Mutterfigur. Hannah gibt ihm eine neue Chance. Doch das bescheidene Glück wird von Harrys nomadischer Vergangenheit eingeholt. Die Idylle währt eben auch in diesem Western nur so lange, bis ein Mann die Verpflichtung spürt, seine Waffe zu benutzen. Das Zusammenspiel von Vilmos Zsigmonds naturalistischer Cinematografie, Frank Mazzolas collagenartigem Schnitt und Bruce Langhorns Soundtrack verleiht der Tragödie allerdings eine spezielle melancholische, traumartige Poesie.
Während Fonda die Familie noch als tröstenden Halt deutet, zerbröselt in John Hillcoats “The Proposition” selbst dieser Grundstein der Zivilisation. Der Polizist Stanley stellt den Verbrecher Charlie vor die Wahl, entweder seinen als Mörder gesuchten Bruder Arthur umzubringen oder die Hinrichtung seines kleineren Bruders Mikey zu verantworten. Auf der Suche in den australischen Outbacks muss Charlie feststellen, dass der flüchtige Bruder und seine Kumpane wie wilde Tiere leben. Um einiges bizarrer erscheinen jedoch die verzweifelten Versuche Stanleys, der Einöde den Segen der Zivilisation zu bringen. Absurder Höhepunkt: ein Weihnachtsessen, das der Polizist mit seiner Frau zelebriert und das durch den Überfall Arthurs eine grauenerregende Wendung nimmt. Nick Caves grimmiges und brutales Drehbuch zeigt auffallendes Gespür für den Sprachduktus des ausgehenden 19. Jahrhunderts und entwirft das Bild einer Kultur, die ohne Gewaltmonopol nicht denkbar ist. So erinnert der Film an die nihilistischen Western Sergio Corbuccis, in denen die Freiheit des Einzelnen auch immer nur bis zum nächsten Interessenkonflikt reicht. Und diese Konflikte werden bekanntlich immer noch mit Gewalt gelöst.
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