
Shortbus
USA 2006
[R: John Cameron Mitchell; D: Sook-Yin Lee, Paul Dawson, Lindsay Beamish; Senator]
23.04.2007, 06:00, Text:
Oliver Minck
“Es ist wie in den 60er-Jahren, nur mit weniger Hoffnung”, bringt es Justin Bond an einer Stelle auf den Punkt. Bond ist der ebenso tuntige wie zynische Hausherr des “Shortbus”, einer Art Swingerclub für New Yorker Künstler, Freaks und andere Bohemiens. Im Shortbus wird jedoch nicht nur exzessiv gebumst und geblasen, sondern auch gelabert. Vornehmlich über all die Problemchen und Blockaden, die man als Großstadtneurotiker so mit sich rumträgt. Eigentlich, so die Philosophie des Shortbus, ist die Lösung eh im Genitalbereich zu finden. Ein freier Geist kann sich nur in einem sexuell befreiten Körper zu Hause fühlen. Um es mit der kanadischen Sängerin Peaches zu formulieren: “Fuck the pain away!”
Es sind drei Geschichten, die im Shortbus kulminieren: Da wäre die Sexualtherapeutin Sofia, die mit ihrem Mann Rob zwar alle erdenklichen Sex-Stellungen durchexerziert, in ihrem Leben aber noch nie einen Orgasmus hatte; dann das schwule Pärchen James und Jamie, das seine langjährige Beziehung durch die Integration eines erotischen Gespielen retten möchte; und außerdem die beziehungsgestörte Domina Severin, die sich im Innersten nach fester Bindung sehnt.
“Shortbus” ist Neurotiker-Komödie, Generation-X-Ballade und Hardcore-Porno zugleich. Und wenn die Protagonisten in den koitalen Pausen immer wieder zur Gitarre greifen und liebliche Indiepop-Schnulzen trällern, treibt Mitchell das Schwulenkitschbarometer in schwindelerregende Höhen. Geht es dem Regisseur in erster Linie darum, Konventionen zu brechen und zugleich zu unterhalten, so hat er sein Ziel erreicht: Als Zuschauer reibt man sich immer wieder verwundert die Augen. Auch die Inszenierung von Sex ist erstaunlich sympathisch. Mitchell lässt nichts aus, schwelgt in Erektionen und Ejakulationen, und doch gelingt es ihm, seine Schauspieler nicht als bloße Sex-Darsteller zu instrumentalisieren. In den Sexszenen manifestieren sich keine männlichen Dominanzfantasien, sondern sie sind ein Mittel, um Figuren zu charakterisieren.
Jenseits der sexuellen Komponente bleibt Mitchell allerdings in seinen Charakterstudien oberflächlich und bietet größtenteils Psycho-Klischees. Allzu offensichtlich wird da küchenfreudianisch für die jeweilige Neurose die schnödeste Ursache herbeianalysiert. Mitchell hätte es bei dem Ansinnen belassen sollen, einen richtig guten, humorvollen Porno zu drehen. So was bekommt das klassische Arthaus-Publikum ja auch nicht alle Tage vor den Latz geknallt.
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